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20 Jahre derselbe Weg – bis meine Mama beschloss, noch einmal ganz neu anzufangen
Folge 1Deine GeschichteArbeit14. August 2026· 4 Min. Lesezeit

20 Jahre derselbe Weg – bis meine Mama beschloss, noch einmal ganz neu anzufangen

Julia

Teil der Serie: Mom goes to America

Nach 20 Jahren im gleichen Job stellte sich meine Mama auf dem Weg zur Arbeit eine einzige Frage: Will ich das wirklich noch einmal 20 Jahre machen? Ein Jahr später saß sie mit einem Koffer im Flugzeug nach New York.

Manchmal braucht es gar keinen großen Auslöser, um sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Manchmal reicht ein Gedanke, der einem plötzlich kommt und danach einfach nicht mehr verschwindet.

Bei meiner Mama kam dieser Gedanke im Auto.

Sie arbeitete zu diesem Zeitpunkt seit 20 Jahren in derselben Firma. Und irgendwann auf dem Weg zur Arbeit fragte sie sich, ob sie sich wirklich vorstellen kann, das alles noch einmal 20 Jahre lang zu machen. Die gleiche Arbeit. Der gleiche Weg. Montag bis Samstag arbeiten, gerade einmal 21 Tage Urlaub – und das Ganze auch noch auf Provisionsbasis und mit einem kleinen Festgehalt. Dazu kam, dass sie in all den Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen hatte.

Wenn man dann Inflation und steigende Kosten mit einrechnet, blieb von ihrem Einkommen gefühlt immer weniger übrig.

Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem sie wusste:

Die nächsten 20 Jahre möchte ich so nicht weitermachen.

Einfach mal schauen, was es noch gibt

Meine Mama war im Küchenbereich tätig und fing an, auf verschiedenen Webseiten nach anderen Möglichkeiten zu schauen. Dabei merkte sie ziemlich schnell, dass ihre jahrelange Berufserfahrung allein bei vielen Stellen nicht ausreichte. Gerade für bestimmte Bereiche wurden entsprechende Studienabschlüsse vorausgesetzt, die sie nicht hatte, weil sie ihr Studium nach dem Fall der Mauer nicht beendet hatte.

Und dann fand sie eine Stellenanzeige.

Eine Firma suchte Küchendesigner.

In New York.

Das Problem an der Sache war nur: Meine Mama konnte kein Wort Englisch.

Nach ihrem Abitur 1984 hatte sie Englisch nicht mehr gesprochen oder gebraucht.

Trotzdem hat sie sich mehr oder weniger aus Spaß darauf beworben.

Meine Schwester hatte vorher als Au-pair in Irland gelebt und konnte Englisch. Also musste sie helfen und mit meiner Mama die Bewerbung schreiben.

Und tatsächlich meldete sich die Firma.

Ein Vorstellungsgespräch mit Übersetzer

Der Chef aus New York kam zu einer großen Küchenausstellung nach Deutschland und dort sollte das erste persönliche Treffen stattfinden.

Er schaute sich die Projekte meiner Mama an, ihre Planungen und das, was sie in den vergangenen Jahren gemacht hatte.

Und ihre Arbeit gefiel ihm.

Nur unterhalten konnten die beiden sich nicht. Meine Mama sprach kein Englisch und er kein Deutsch.

Also musste tatsächlich jemand dabeisitzen und das Gespräch übersetzen.

Am Ende sagte er ihr sinngemäß:

„Deine Arbeit gefällt mir. Was du machst, gefällt mir. Aber du musst Englisch lernen. Ohne Englisch wird das nichts.“

Und damit hätte die Geschichte eigentlich schon wieder vorbei sein können.

War sie aber nicht.

Dann lerne ich eben Englisch

Meine Mama kündigte nach 20 Jahren ihren Job.

Und das muss man sich wirklich einmal vorstellen: Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen fertigen Arbeitsvertrag aus New York. Das Ganze beruhte auf einer Absprache per Handschlag.

Sie wusste nur: Wenn sie diese Chance wirklich nutzen wollte, musste sie Englisch lernen.

Also hat sie genau das gemacht.

Sie suchte sich eine Sprachlehrerin in ihrer Nähe, die englische Muttersprachlerin war, und fing an, Vokabeln zu pauken. Sie hörte englische Hörbücher, schaute englische Nachrichten und versuchte, die Sprache so viel wie möglich in ihren Alltag zu holen.

Sie flog nach New York und besuchte dort für 14 Tage eine Sprachschule.

Ein paar Monate später verbrachte sie sechs Wochen bei einer Gastfamilie in Seattle, um ihr Englisch noch weiter zu verbessern.

Ein Jahr später

Während dieser sechs Wochen in Seattle rief ihr Chef aus New York an und wollte wissen, wie es mit ihrem Englisch läuft.

Beim ersten Gespräch in Deutschland hatte noch jemand dabeisitzen und für die beiden übersetzen müssen.

Diesmal konnten sie sich auf Englisch unterhalten und brauchten keinen Übersetzer mehr.

Natürlich sprach meine Mama nach einem Jahr nicht plötzlich perfektes Englisch. Aber sie konnte sich mit ihm unterhalten.

Und offensichtlich reichte das.

Der Chef sagte sinngemäß:

„Okay, kann losgehen.“

Und plötzlich stand sie in New York

Und meine Mama?

Die packte ihren Koffer und flog im September 2013 nach New York – zunächst für vier Wochen, um dort zur Probe zu arbeiten.

Und bereits nach einer Woche sagte ihr Chef zu ihr sinngemäß:

„Ich will in den USA expandieren und genau jemanden wie dich brauche ich hier. Du kennst dich perfekt mit Küchen aus und jeder mag dich und will mit dir arbeiten.“

Wenn man darüber nachdenkt, hatte alles mit einem Gedanken im Auto angefangen. Mit der Frage, ob sie wirklich noch einmal 20 Jahre lang dasselbe Leben führen wollte.

Ein Jahr später stand sie mit einem Koffer da und flog für einen neuen Job nach New York – obwohl sie bei ihrer Bewerbung noch kein Wort Englisch gesprochen hatte.

Wie es danach weiterging, erzähle ich euch ein anderes Mal. Denn zwischen diesem ersten Koffer und dem Leben, das später daraus wurde, ist ziemlich viel passiert.

Und bevor ich euch das erzähle, muss ich selbst noch einmal mit meiner Mama reden. Denn bei ihrer Geschichte möchte ich nichts dazuerfinden, nur weil ich mich an irgendein Detail nicht mehr genau erinnere.

Fortsetzung folgt.

Bereich: Arbeit

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