
Wie alles begann
Teil der Serie: Mein Weg
Eigentlich dachte ich, ich bräuchte einfach nur eine Pause. Ein bisschen weniger Arbeit, ein bisschen mehr Ruhe. Bis ich eines Sonntags im Auto saß und mir plötzlich zwei Autos entgegenkamen – obwohl da nur eins war.
Manchmal spürt man, dass einem alles zu viel wird. Genauso ging es mir.
Aber ich muss ein bisschen ausholen, denn eigentlich fing die Geschichte schon früher an.
2018 hatte ich nach langer Zeit endlich einen Medizinstudienplatz bekommen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe. Ich hatte kein Abitur gemacht und bekam den Zugang über meine Aufstiegsqualifikation – in meinem Fall als Pflegedienstleiterin.
Und ja, was soll ich sagen?
Es war eigentlich eine tolle Zeit.
Aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich mit Familie und Lernen komplett überfordert war. Ich hatte nur noch Rauschen im Kopf. Ich konnte mir nichts merken und vor jeder Prüfung hatte ich Panik.
Dann kam bei uns in der Sozialstation ein Angebot: Sie suchten einen neuen Pflegedienstleiter.
Sie wussten, dass ich die Ausbildung dafür hatte, und haben mir die Stelle angeboten.
Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe angenommen.
Erst einmal nahm ich mir ein Urlaubssemester, weil ich schauen wollte, ob diese Arbeit überhaupt noch etwas für mich ist. Irgendwann stand die Entscheidung fest und ich exmatrikulierte mich.
Und wisst ihr was?
Die Arbeit hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.
Irgendwann war es einfach zu viel
So gern ich meinen Job gemacht habe – es war auch sehr, sehr viel Arbeit.
Nicht nur der ganze schriftliche Kram. Dazu kam alles drumherum. Alles, was anfiel, habe ich trotzdem mitgemacht.
Die Kinder waren noch kleiner und mein Mann musste zu Hause viel auffangen.
Ein paar Monate ging das so.
Bis ich irgendwann auf der Arbeit saß, schon wieder viel zu viele Überstunden hatte und mir einfach die Tränen liefen.
Ich dachte nur:
„Nee, du brauchst jetzt eine Pause.“
Also nahm ich mir eine Woche frei.
Und wenn ich ehrlich bin, habe ich diese Woche im Grunde im Bett verbracht.
Kann man so sagen.
Ich war einfach fertig.
Und dann kam dieser Sonntag
Nach dieser Woche hätte es eigentlich wieder losgehen sollen.
Natürlich war direkt ein Dienst nicht abgedeckt. Also fing ich sonntags wieder an.
Gegen Ende des Tages fehlte bei einem Patienten ein Medikament.
Also, was macht man?
Bereitschaftsarzt angerufen, gewartet und anschließend zur Bereitschaftsapotheke gefahren.
Und während ich so im Auto saß, dachte ich plötzlich:
„Ist aber komisch. Warum kommen dir zwei Autos entgegen?“
Tja.
Da waren natürlich keine zwei Autos.
Ich habe doppelt gesehen.
Ganz plötzlich. Ohne irgendeine Vorwarnung.
Und das Eigenartige daran?
Mir schoss sofort ein Gedanke durch den Kopf:
MS.
Ich kann euch bis heute nicht sagen, warum.
Ich hatte schon lange nichts mehr mit diesem Krankheitsbild zu tun gehabt. Trotzdem war dieser Gedanke einfach da.
Mein Bauchgefühl sagte mir: MS.
Und wie das im Leben manchmal so ist, hört man natürlich ausgerechnet dann nicht auf sein Bauchgefühl.
Und dann fiel mir wieder ein: Ich hatte mir ja im Oktober 2019 die Augen lasern lassen. Vielleicht hatte es auch einfach damit zu tun.
Also habe ich den Gedanken ziemlich schnell wieder verworfen.
„Das ist bestimmt nur der Stress“
Die ersten zwei Tage ging es noch.
Das Doppelbild kam und ging und ich war wirklich überzeugt davon, dass es einfach der Stress war. Die eine Woche Pause hatte eben nicht gereicht.
Das redete ich mir zumindest ein.
Aber ab dem dritten Tag wurde es immer schlimmer.
Das Doppelbild ging nicht mehr weg.
Es baute sich immer weiter auf, bis ich am siebten Tag – egal, wie ich meinen Kopf drehte – alles doppelt, dreifach und teilweise sogar vierfach gesehen habe.
Und trotzdem machte ich weiter.
Bis wir in einer Besprechung saßen.
Ich saß ganz vorne und konnte irgendwann schlicht nichts mehr erkennen. Alles verschwamm. Alles war doppelt.
Ich konnte wirklich nichts mehr lesen.
Da kam endlich der Punkt, an dem auch ich sagen musste:
„Ich muss zum Arzt.“
Also rief ich meinen Mann an und fragte, ob er mich fahren könne.
Selbst Auto fahren ging inzwischen nicht mehr.
Und ich lief, als würde ich auf Eiern laufen.
Und trotzdem dachte ich noch: Das wird schon nichts sein
Wer so etwas schon einmal erlebt hat, weiß, dass das wirklich kein Spaß ist.
Und trotzdem fand ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal besonders besorgniserregend.
Ich wollte mich einfach nicht verrückt machen.
Für mich war die Erklärung längst gefunden:
Es war der Stress.
Davon war ich überzeugt.
Dass dieser Moment der Anfang von etwas werden würde, das mein Leben ziemlich gründlich auf den Kopf stellt, wusste ich damals noch nicht.
Aber genau hier beginnt mein Weg.
Fortsetzung folgt.
Bereich: Mein Weg
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