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Multiple Sklerose – wenn das eigene Immunsystem das Nervensystem angreift
WissensartikelKrankheiten verstehen11. August 2026· 8 Min. Lesezeit

Multiple Sklerose – wenn das eigene Immunsystem das Nervensystem angreift

Multiple Sklerose, kurz MS, wird häufig als die „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bezeichnet. Dieser Beitrag erklärt verständlich, was MS ist, welche Symptome typisch sind, wie die Diagnose gestellt und wie die Erkrankung behandelt wird.

Multiple Sklerose, kurz MS, wird häufig als die „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bezeichnet. Und dieser Ausdruck trifft ziemlich gut, warum die Erkrankung gerade am Anfang oft schwer zu erkennen ist: Die Beschwerden können von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich sein.

Manche Betroffene bemerken zunächst eine Sehstörung. Bei anderen beginnt die Erkrankung mit Taubheitsgefühlen, Kribbeln, Schwäche in einem Arm oder Bein, Gleichgewichtsstörungen oder Doppelbildern.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Zum zentralen Nervensystem gehören insbesondere Gehirn und Rückenmark; auch die Sehnerven können betroffen sein.

Bei der MS kommt es zu fehlgeleiteten Immunreaktionen, die sich gegen Strukturen des eigenen Nervensystems richten. Dabei entstehen Entzündungsherde, die unter anderem die Myelinscheiden schädigen können. Diese schützenden Hüllen umgeben viele Nervenfasern und ermöglichen eine schnelle Weiterleitung elektrischer Signale.

Werden Myelin und teilweise auch die darunterliegenden Nervenfasern geschädigt, können Signale zwischen Gehirn und Körper verzögert, verändert oder gar nicht mehr richtig übertragen werden.

Wo sich die Entzündungsherde befinden, entscheidet wesentlich darüber, welche Beschwerden auftreten. Genau deshalb kann MS so unterschiedlich aussehen.

Wichtig ist auch: Multiple Sklerose bedeutet nicht automatisch, irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Der Krankheitsverlauf ist individuell und hat sich durch moderne Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten deutlich verändert.

Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), „Was ist MS?“; Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Leitlinie zur Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose.

Typische erste Symptome einer Multiplen Sklerose

Eine Besonderheit der MS besteht darin, dass es nicht das eine typische Erstsymptom gibt.

Auch die Prozentzahlen unterscheiden sich zwischen Studien deutlich. Gründe dafür sind unter anderem unterschiedliche Länder, Altersgruppen, Diagnosekriterien und die Frage, ob einzelne Symptome oder ganze neurologische Syndrome erfasst wurden.

Eine neuere Übersicht über die Symptomatik von Menschen mit MS beschreibt ungefähr folgende Größenordnungen:

Sensibilitätsstörungen – bis etwa 40–45 %

Sensibilitätsstörungen gehören zu den häufigsten ersten Beschwerden einer MS.

Dazu können gehören:

  • Kribbeln oder „Ameisenlaufen“
  • Taubheitsgefühle
  • vermindertes Berührungs- oder Temperaturempfinden
  • ungewöhnliche Missempfindungen
  • ein pelziges Gefühl an Armen, Beinen oder im Gesicht

In wissenschaftlichen Untersuchungen werden sensible Beschwerden bei bis zu etwa 43 % der Betroffenen als erste Krankheitsmanifestation beschrieben.

Eine Untersuchung erwachsener MS-Patienten fand beispielsweise bei rund 41,6 % sensible Symptome zu Krankheitsbeginn.

Diese Beschwerden können problematisch sein, weil Betroffene sie zunächst häufig nicht mit einer neurologischen Erkrankung in Verbindung bringen.

Quellen: peer-reviewte Übersichtsarbeit zur MS-Symptomatik; Studie zu Symptomen bei Krankheitsbeginn.

Sehstörungen und Sehnervenentzündung – ungefähr 20–30 %

Ein sehr bekanntes erstes Zeichen einer MS ist die sogenannte Optikusneuritis, also eine Entzündung des Sehnervs.

Typisch können sein:

  • verschwommenes Sehen
  • verminderte Sehschärfe
  • Farben erscheinen blasser
  • ein dunkler oder grauer Bereich im Gesichtsfeld
  • Schmerzen hinter dem Auge, insbesondere bei Augenbewegungen

Eine moderne Übersichtsarbeit gibt an, dass eine Optikusneuritis bei ungefähr 25 % der MS-Erkrankten die erste Manifestation der Erkrankung ist. Andere Studien finden Werte von etwa 17 bis über 30 Prozent.

Eine große ältere Multicenter-Untersuchung mit 1.271 MS-Patienten fand beispielsweise bei 34,7 % eine Beteiligung des Sehnervs bei der ersten Krankheitsmanifestation; bei 16,6 % war die Optikusneuritis das alleinige erste Zeichen.

Die unterschiedlichen Werte zeigen, warum bei MS besser mit Größenordnungen als mit einer einzigen festen Prozentzahl gearbeitet werden sollte.

Quellen: peer-reviewte Übersichtsarbeit und Multicenter-Studie.

Motorische Störungen und Kraftverlust – ungefähr 30–40 %

Auch motorische Beschwerden können am Anfang einer MS stehen.

Möglich sind beispielsweise:

  • plötzlich auffallende Schwäche eines Beines oder Armes
  • ein schweres Bein
  • Unsicherheit beim Gehen
  • Schwierigkeiten bei feinmotorischen Bewegungen
  • teilweise Lähmungserscheinungen

In Übersichtsarbeiten werden motorische Symptome bei ungefähr 30–40 % der Menschen mit MS als erste Krankheitsmanifestation beschrieben.

Eine Untersuchung erwachsener Patienten fand bei etwa 37,6 % motorische beziehungsweise sogenannte pyramidenbahnbezogene Symptome zum Krankheitsbeginn.

Quellen: peer-reviewte Übersichtsarbeiten und klinische Untersuchungen.

Hirnstamm- und Kleinhirnsymptome – ungefähr 20–30 %

Entzündungsherde im Hirnstamm oder Kleinhirn können unter anderem zu folgenden Beschwerden führen:

  • Doppelbilder
  • Schwindel
  • Gleichgewichtsstörungen
  • unsicherer Gang
  • Koordinationsstörungen
  • teilweise Störungen der Augenbewegungen
  • Gefühlsstörungen im Gesicht

Als erste Manifestation werden Hirnstamm- beziehungsweise Kleinhirnsymptome in Übersichtsarbeiten bei ungefähr 20 % der Betroffenen beschrieben.

Einzelne Patientengruppen zeigen jedoch höhere Werte. In einer Untersuchung erwachsener Patienten wurden entsprechende Beschwerden beispielsweise bei rund 31,7 % zu Krankheitsbeginn gefunden.

Quellen: peer-reviewte Übersicht und klinische Studie.

Und was ist mit Fatigue?

Fatigue gehört zu den bekanntesten und belastendsten Symptomen einer Multiplen Sklerose.

Dabei handelt es sich nicht einfach um normale Müdigkeit. Betroffene beschreiben teilweise eine ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfbarkeit, die in keinem angemessenen Verhältnis zur vorherigen Belastung steht.

Fatigue tritt im Verlauf einer MS sehr häufig auf.

Bei der Frage, wie häufig sie tatsächlich das allererste Symptom einer MS ist, gibt es allerdings keine vergleichbar belastbare und einheitliche Prozentangabe wie beispielsweise für Sehnervenentzündungen oder sensible Beschwerden.

Deshalb wäre es unseriös, hier eine feste Prozentzahl zu nennen.

Wie wird Multiple Sklerose untersucht?

Eine MS-Diagnose wird nicht anhand eines einzigen Bluttests oder einer einzelnen MRT-Aufnahme gestellt.

Die Diagnose ergibt sich aus verschiedenen Bausteinen.

International werden dafür die sogenannten McDonald-Kriterien verwendet. Die Kriterien wurden zuletzt 2024 überarbeitet und 2025 veröffentlicht.

Grundsätzlich geht es darum nachzuweisen, dass typische Veränderungen des zentralen Nervensystems vorliegen und andere mögliche Ursachen ausreichend ausgeschlossen wurden.

Quelle: ECTRIMS – aktuelle McDonald-Diagnosekriterien.

Neurologische Untersuchung

Am Anfang steht normalerweise eine ausführliche neurologische Untersuchung.

Dabei können unter anderem überprüft werden:

  • Muskelkraft
  • Reflexe
  • Koordination
  • Gleichgewicht
  • Gangbild
  • Sensibilität
  • Augenbewegungen und Sehfunktion

Auch die Krankengeschichte spielt eine entscheidende Rolle. Manchmal stellt sich rückblickend heraus, dass es bereits Monate oder Jahre vorher neurologische Beschwerden gab, denen damals keine besondere Bedeutung zugemessen wurde.

MRT von Gehirn und Rückenmark

Eine der wichtigsten Untersuchungen ist die Magnetresonanztomographie – MRT.

Damit können typische entzündliche beziehungsweise demyelinisierende Veränderungen im zentralen Nervensystem sichtbar gemacht werden.

Besonders wichtig ist dabei nicht nur die Anzahl der Veränderungen, sondern auch deren typische Lage.

Je nach Situation werden MRT-Untersuchungen des Gehirns und/oder Rückenmarks durchgeführt.

Die MRT spielt sowohl bei der Diagnose als auch bei der späteren Beurteilung der Krankheitsaktivität eine zentrale Rolle.

Untersuchung des Nervenwassers – Liquordiagnostik

Bei einer Lumbalpunktion wird eine kleine Menge Nervenwasser, der sogenannte Liquor cerebrospinalis, entnommen.

Im Labor kann anschließend unter anderem nach Hinweisen auf eine Immunaktivität innerhalb des zentralen Nervensystems gesucht werden.

Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte oligoklonale Banden.

Die Liquoruntersuchung kann die Diagnose unterstützen, muss aber immer zusammen mit den übrigen Untersuchungsbefunden beurteilt werden.

Evozierte Potentiale

Mit sogenannten evozierten Potentialen kann untersucht werden, wie schnell elektrische Signale über bestimmte Nervenbahnen weitergeleitet werden.

Dazu gehören beispielsweise visuell evozierte Potentiale zur Untersuchung der Sehbahn.

Eine verlangsamte Weiterleitung kann Hinweise darauf geben, dass eine Nervenbahn durch eine frühere oder aktuelle Entzündung beeinträchtigt wurde.

Blutuntersuchungen

Einen einzelnen Blutwert, mit dem sich eine Multiple Sklerose eindeutig beweisen lässt, gibt es nicht.

Blutuntersuchungen sind trotzdem wichtig.

Sie helfen insbesondere dabei, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche neurologische Beschwerden oder MRT-Veränderungen verursachen können.

Wie wird Multiple Sklerose behandelt?

Multiple Sklerose ist bislang nicht ursächlich heilbar. Sie ist heute aber wesentlich besser behandelbar als noch vor einigen Jahrzehnten.

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft unterscheidet im Wesentlichen drei wissenschaftlich etablierte Therapiesäulen:

  • Behandlung eines akuten Schubes
  • verlaufsmodifizierende beziehungsweise immuntherapeutische Behandlung
  • Behandlung einzelner Symptome

Hinzu kommen rehabilitative Maßnahmen.

Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft.

Behandlung eines akuten Schubes

Ein akuter entzündlicher MS-Schub wird häufig mit hoch dosierten Glukokortikoiden – umgangssprachlich häufig „Kortison“ genannt – behandelt.

Ziel ist es, die akute Entzündungsreaktion zu begrenzen und die Rückbildung der Beschwerden zu beschleunigen.

Bei schweren Schüben, die nicht ausreichend auf Kortison reagieren, können in bestimmten Situationen weitere Verfahren wie eine Plasmapherese beziehungsweise Immunadsorption erwogen werden.

Welche Therapie erforderlich ist, entscheidet der behandelnde Neurologe abhängig von Art und Schwere des Schubes.

Verlaufsmodifizierende Therapie

Die zweite große Säule der Behandlung soll die Krankheitsaktivität langfristig reduzieren.

Dafür stehen inzwischen zahlreiche Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und unterschiedlicher Wirkstärke zur Verfügung.

Je nach Medikament werden sie beispielsweise

  • als Tablette eingenommen,
  • gespritzt oder
  • als Infusion verabreicht.

Die Entscheidung für ein Medikament hängt unter anderem ab von:

  • Krankheitsaktivität
  • bisherigem Krankheitsverlauf
  • MRT-Befunden
  • individuellen Risiken
  • Begleiterkrankungen
  • Alter
  • Lebensplanung und Kinderwunsch
  • Verträglichkeit vorheriger Medikamente.

Es gibt deshalb nicht die eine beste MS-Therapie für jeden Menschen.

Moderne Leitlinien empfehlen eine möglichst individuell an Krankheitsaktivität und Patientensituation angepasste Behandlung.

Quelle: DGN-Leitlinie und DMSG.

Symptomatische Therapie

Neben der eigentlichen Behandlung der MS können einzelne Beschwerden gezielt behandelt werden.

Dazu zählen beispielsweise:

  • Spastik
  • Schmerzen
  • Blasenstörungen
  • Fatigue
  • Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme
  • Gehprobleme
  • Sprech- oder Schluckstörungen
  • kognitive Probleme
  • psychische Belastungen.

Je nach Beschwerden können Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, neuropsychologische Therapie oder andere Rehabilitationsmaßnahmen eingesetzt werden.

Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft.

Warum eine frühe Abklärung wichtig ist

Nicht jedes Kribbeln, jeder Schwindel und jede Sehstörung bedeutet Multiple Sklerose.

Viele dieser Beschwerden können sehr viel harmlosere oder völlig andere Ursachen haben.

Trotzdem sollten insbesondere neu auftretende neurologische Beschwerden, die über Stunden oder Tage bestehen bleiben, ärztlich abgeklärt werden.

Heute stehen deutlich bessere diagnostische Möglichkeiten und zahlreiche wirksame Therapien zur Verfügung. Eine frühzeitige korrekte Diagnose kann deshalb relevant für die weitere Behandlung sein.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften:

Multiple Sklerose ist eine ernstzunehmende chronische Erkrankung – aber die Diagnose sagt noch nicht voraus, wie das weitere Leben eines Menschen aussehen wird.

Jede MS verläuft anders.


Quellen

Für diesen Beitrag wurden bewusst überwiegend medizinische Fachgesellschaften, Leitlinien und wissenschaftlich begutachtete Veröffentlichungen verwendet:

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-/Living-Guideline „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“, AWMF-Registernummer 030-050. Die Leitlinie wurde 2025 erneut überarbeitet.
  • Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. (DMSG): Informationen „Was ist MS?“ sowie „MS behandeln“.
  • ECTRIMS – European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis: 2024 Revision der McDonald-Diagnosekriterien, veröffentlicht 2025.
  • Wikström J., Poser S., Ritter G.: „Optic neuritis as an initial symptom in multiple sclerosis“, Acta Neurologica Scandinavica. Multicenter-Auswertung von 1.271 MS-Patienten.
  • Peer-reviewte Übersichtsarbeit zur Symptomatik der Multiplen Sklerose: „Picturing the Multiple Sclerosis Patient Journey: A Symptomatic Overview“. Die Arbeit fasst Daten zu häufigen Erstmanifestationen und Beschwerden im Krankheitsverlauf zusammen.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle medizinische Beratung. Neu auftretende oder anhaltende neurologische Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden.

Bereich: Krankheiten verstehen

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