
Nachts allein in einer fremden Stadt – kein Englisch, keine Ahnung, sechs Wochen Seattle
Julia
Teil der Serie: Mom goes to America
Um wirklich Englisch zu lernen, reichte meiner Mama kein Klassenraum mehr. Also flog sie für sechs Wochen zu einer fremden Familie nach Seattle – und landete, nach drei Stunden Verspätung, mitten in der Nacht ganz allein am Flughafen.
Im ersten Teil habe ich euch erzählt, wie meine Mama nach 20 Jahren im selben Job plötzlich alles hinschmiss, kein Wort Englisch sprach und trotzdem beschloss, es zu lernen – weil ein Küchendesigner-Job in New York auf sie wartete, aber eben nur, wenn sie sich mit ihrem neuen Chef verständigen konnte.
Sprachlehrerin gesucht, Vokabeln gepaukt, englische Hörbücher gehört – und dann der nächste Schritt: Wer eine Sprache wirklich lernen will, muss dorthin, wo sie gesprochen wird. Also entschloss sich meine Mama, sich für sechs Wochen eine Gastfamilie in den USA zu suchen.
Sie hatte im Mai schon 14 Tage in New York eine Sprachschule besucht, aber sie wollte mehr. Nicht nur im Klassenraum sitzen, sondern mitten im Alltag stecken, wo ihr niemand mehr auf Deutsch aus der Patsche helfen konnte.
Eine Gastfamilie am anderen Ende des Landes
Ihre Wahl fiel auf eine Familie in Seattle, ursprünglich aus Vietnam stammend, mit zwei schulpflichtigen Kindern. Für 700 Dollar bekam sie ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und Internet. Essen war nicht dabei, sie durfte zwar alles benutzen, musste sich aber selbst verpflegen.
Der Flug war gebucht: Prag – New York – Seattle-Tacoma. Für jemanden, der ohnehin nicht gerade gerne fliegt, schon eine ordentliche Hausnummer. Aber sie wollte diese Chance nutzen, also ging es los.
Drei Stunden Verspätung, mitten in der Luft
Der Anschlussflug von New York nach Seattle hatte fast drei Stunden Verspätung – und das nicht gemütlich am Gate, sondern schon im Flugzeug, bei drückender Hitze. Irgendwann bot man den Passagieren an, auszusteigen und in New York zu übernachten. Einige machten das auch.
Meine Mama blieb sitzen, weil sie ihre Gastfamilie nicht erreichen konnte und keine Ahnung hatte, was mit der Abholung passieren würde, wenn sie jetzt aus dem Flieger stieg. Aussteigen bedeutete: nicht mehr zurück in dieselbe Maschine. Also wartete sie aus, mit der Ungewissheit im Nacken, ob es an einem technischen Defekt oder am Wetter lag.
Statt gegen 22 Uhr landete sie schließlich gegen ein Uhr nachts in Seattle. Und dort: erst einmal niemand.
Ihre Gastmutter Judy war losgefahren, sobald sie wusste, dass die Maschine tatsächlich gelandet war, und traf etwa eine Stunde später ein. Zum Glück war sie sehr nett. Viel mehr als kurz vorstellen, Zimmer zeigen und ins Bett fallen war an diesem Abend aber nicht mehr drin.
Am nächsten Tag beäugten die beiden Kinder sie ziemlich zurückhaltend, als käme sie vom anderen Stern. Nach dieser Nacht sah sie wahrscheinlich auch genauso aus.
Deutsche Ordnung gibt es hier nicht
Am Nachmittag, als sie allein im Haus war, machte sie sich auf eine kleine Erkundungstour. Ihr erster Gedanke: „Deutsche Ordnung gibt es hier offenbar nicht.“
Küche und Wohnzimmer sahen nicht gerade nach dem aus, was sie sich unter aufgeräumt vorstellte. Ganz neu war ihr das nicht: Schon bei ihrer Gastgeberin in New York, einer älteren, feinen Dame, hatte sie Ähnliches erlebt – im eigenen Wohnbereich lag alles kreuz und quer.
Also räumte sie erst mal selbst die Küche auf. Schließlich wollte sie ja auch irgendwo sitzen und essen können. Wie sie selbst später schrieb: „Naja, wie wir Ossis sind.“
Auf Futtersuche, zu Fuß, bei Hitze
Essen musste sie sich schließlich selbst besorgen. Am ersten Tag machte sie sich zu Fuß auf den Weg zum nächsten Einkaufsbereich – über eine halbe Stunde, bei Hitze, auf weitläufigen Straßen, meistens ganz allein unterwegs. Einen Bus hätte es zwar gegeben, aber Ticket, Ein- und Ausstieg, das alles auf Englisch herauszufinden, war ihr am ersten Tag schlicht zu viel.
Sie kam trotzdem mit vollen Taschen zurück – ein kleiner Erfolg, der einem sonst kaum auffällt, aber wenn man gerade erst angekommen ist, kaum jemanden kennt und die Sprache noch übt, ist selbst ein simpler Einkauf plötzlich eine kleine Mutprobe.
Reden, weil es keine andere Wahl gab
Die Familie war ansonsten nett, nahm sie mit zum Baden und zu Ausflügen – gegen Beteiligung an den Spritkosten. Meine Mama machte sich nützlich, wo sie konnte, und suchte sich nebenbei noch etwas anderes: E-Mail-Brieffreundschaften mit englischsprachigen Menschen, die im Gegenzug Deutsch lernen wollten. Jede Nachricht musste in beiden Sprachen geschrieben werden, sodass man sich gegenseitig korrigierte. Eine der beiden kam aus Afghanistan, die andere aus den USA. Beide halfen ihr sehr, und das kostenlos.
Denn darum ging es die ganze Zeit: nicht nur Vokabeln lernen, sondern reden. Einkaufen, sich verständigen, den Alltag organisieren, ohne dass irgendjemand mal eben auf Deutsch übersetzte.
Der Anruf, der zeigte, dass es sich gelohnt hatte
Während dieser sechs Wochen rief ihr Chef aus New York an. Beim ersten Treffen in Deutschland hatte noch jemand danebensitzen und übersetzen müssen. Diesmal nicht: Meine Mama nahm in Seattle den Hörer ab und unterhielt sich mit ihm auf Englisch – nicht perfekt, aber offensichtlich gut genug.
„Okay, kann losgehen“, sagte er sinngemäß.
Sechs Wochen vorher war sie mitten in der Nacht, übermüdet und ohne Abholung, in einer fremden Stadt gelandet. Die Sprachschule, die Gastfamilie, das Chaos in der Küche, die Fußmärsche zum Einkaufen, die zweisprachigen E-Mails – all das hatte sich gelohnt.
Wie es dann in New York weiterging, erzähle ich euch im nächsten Teil.
Bereich: Arbeit
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