
Unser Leben ist nur ein Wimpernschlag
Heute Nacht ist meine Oma eingeschlafen. Und während ich versuche zu begreifen, dass sie wirklich nicht mehr da ist, wird mir eines wieder ganz deutlich: Unser Leben ist nicht unendlich. Es ist nur ein Wimpernschlag – und vielleicht sollten wir viel öfter daran denken, was wir aus dieser kurzen Zeit machen.
Dieser Text ist bereits am 18.09.2026 entstanden. Veröffentlichen konnte ich ihn damals noch nicht. Dazu war ich einfach noch nicht imstande. Heute möchte ich diese Gedanken trotzdem mit euch teilen.
Heute Nacht ist meine Oma eingeschlafen.
Und ich weiß immer noch nicht so richtig, was ich dazu sagen soll.
Und wenn ich diese Zeilen heute mit etwas Abstand lese, merke ich, dass ich mir wahrscheinlich schon in dieser Nacht selbst ein bisschen Mut zugesprochen habe. Weil ich wusste, wie schwer – wie unglaublich schwer – die Zeit danach für mich werden würde.
Wir wussten, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Die letzten Wochen waren ein Auf und Ab, und natürlich war uns allen bewusst, dass ihre Zeit irgendwann zu Ende gehen würde.
Nur mit dieser Nacht hatte ich nicht gerechnet.
Neben der Trauer spüre ich tatsächlich auch eine gewisse Erleichterung.
Meine Oma wusste ziemlich genau, was sie für sich nicht mehr wollte. Es gab Dinge, die sie auf keinen Fall mehr hätte erleben wollen. Und wenn ich daran denke, was ihr möglicherweise noch bevorgestanden hätte, bin ich froh, dass sie das nicht mehr erleben musste.
Sie hatte ein langes Leben.
Und wenn ich zurückblicke, würde ich sogar sagen: Sie hatte ein erfülltes Leben.
Sie hatte eine große Familie. Menschen, die sie geliebt haben. Menschen, die sich um sie gekümmert haben. Eigentlich war immer jemand da.
Und trotzdem ist da jetzt natürlich diese Lücke.
Besonders für meine Mama.
Sie und ihre Mami hatten eine unglaublich enge Bindung. Und ausgerechnet jetzt ist meine Mama in Amerika.
Nicht, weil ihr ihre Mami nicht wichtig gewesen wäre. Sie hat dort Verpflichtungen, die sie erledigen musste. Sie ist allein und hat keinen Partner, der ihr Dinge abnehmen oder ihr einfach mal den Rücken freihalten kann.
Am Sonntag kommt sie zurück.
Aber heute ist Freitag.
Und diesen letzten Moment hat sie verpasst.
Ich weiß, wie sehr sie das gerade beschäftigt. Und mir tut es unendlich leid für sie.
Aber niemand wusste, dass es diese Nacht sein würde.
Niemand kann sein ganzes Leben anhalten und darauf warten, dass ein anderer Mensch irgendwann stirbt.
Das Leben steht nicht still.
Vielleicht klingt das in diesem Zusammenhang hart.
Aber genau dieser Gedanke beschäftigt mich gerade.
Denn das Leben geht für die weiter, die noch da sind.
Und wenn ein geliebter Mensch stirbt, beginnt für diejenigen, die zurückbleiben, etwas ganz anderes. Sie müssen mit dem Verlust leben. Mit der Trauer. Mit den Erinnerungen. Vielleicht auch mit Gedanken darüber, was sie gerne noch gesagt oder gemacht hätten.
Der Tod gehört zu unserem Leben dazu, auch wenn wir ihn am liebsten ganz weit wegschieben.
Keiner von uns ist unendlich.
Und vielleicht wird mir das gerade wieder besonders bewusst.
Unser ganzes Leben ist eigentlich nur ein Wimpernschlag.
Ich bin mittlerweile über 40.
Und ganz ehrlich?
Wo ist die Zeit hin?
Gefühlt war ich gestern noch 20.
Natürlich weiß ich, dass dazwischen mehr als 20 Jahre liegen. Ich habe in dieser Zeit gelebt, geheiratet, Kinder bekommen, gearbeitet, gelacht, geweint und wahrscheinlich tausend Dinge erlebt, die ich inzwischen schon wieder vergessen habe.
Aber manchmal fühlt es sich trotzdem an, als wäre das alles wahnsinnig schnell gegangen.
Und wahrscheinlich sitze ich irgendwann da und denke genauso über die nächsten 20 Jahre.
Wo sind sie hin?
Vielleicht geht es vielen Menschen so.
Als Kind dauert ein Jahr gefühlt ewig.
Und irgendwann fliegen die Jahre nur noch an einem vorbei.
Man verschiebt Dinge.
Machen wir nächstes Jahr.
Wenn die Kinder größer sind.
Wenn auf Arbeit weniger los ist.
Wenn mehr Geld da ist.
Wenn es besser passt.
Wenn irgendwann einfach der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Und plötzlich sind zehn Jahre vorbei.
Dabei wissen wir überhaupt nicht, wie viele davon wir haben.
Und genau das ist vielleicht der Gedanke, den ich aus dieser Nacht für mich mitnehme.
Nicht, dass man ab morgen alles stehen und liegen lassen soll.
So funktioniert das Leben nicht.
Wir haben Verpflichtungen. Wir haben Familien. Wir müssen arbeiten, Rechnungen bezahlen und uns um Dinge kümmern, auf die wir manchmal überhaupt keine Lust haben.
Aber dazwischen findet unser Leben statt.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Deshalb probiert Dinge aus.
Macht auch mal etwas Verrücktes.
Fahrt irgendwohin, wenn ihr die Möglichkeit habt.
Verwirklicht eine Idee, auch wenn andere sie vielleicht nicht verstehen.
Trefft die Menschen, die euch guttun.
Sagt den Menschen, die ihr liebt, dass ihr sie liebt.
Und hört vielleicht ein bisschen weniger oft auf diesen Gedanken: Das mache ich später.
Gerade wenn man jung ist und noch nicht all die Verpflichtungen hat, die irgendwann vielleicht dazukommen, sollte man diese Freiheit nutzen.
Aber auch später ist das Leben nicht vorbei.
Vielleicht wird manches komplizierter.
Vielleicht muss man mehr planen.
Aber auch mit 40, 50, 60 oder 70 ist es immer noch das eigene Leben.
Meine Oma durfte alt werden.
Sie hatte ihre Familie und viele Menschen, die sie geliebt und sich um sie gekümmert haben.
Jetzt ist sie gegangen.
Und natürlich tut das weh.
Denn wir sind diejenigen, die zurückbleiben.
Wir sind diejenigen, denen sie fehlen wird.
Aber vielleicht gehört auch genau das zum Leben.
Menschen kommen.
Menschen begleiten uns.
Menschen gehen.
Und irgendwann werden auch wir gehen.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, wie lange die Menschheit existiert und wie lange diese Welt schon da war, bevor wir geboren wurden und noch da sein wird, wenn wir längst nicht mehr hier sind, dann sind selbst 80 oder 90 Jahre unglaublich wenig.
Wir sind alle nur ein Wimpernschlag.
Und vielleicht ist genau deshalb nicht entscheidend, wie lange dieser Wimpernschlag dauert.
Sondern was wir daraus machen.
Das Leben ist für die Lebenden.
Also lebt es.
Bereich: Aktuelles
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