
Opa Horst beim Zahnarzt
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Endlich sitzt Opa Horst beim Zahnarzt. Seine Prothese drückt, doch er sieht darin kein großes Problem. Schrapnella begleitet ihn und erfährt, was dahintersteckt. Dabei fällt ihr noch etwas ganz anderes auf: Opa Horst versteht offenbar nicht mehr alles.
Beim Zahnarzt
Opa Horst saß im Wartezimmer.
Jacke an.
Arme verschränkt.
Schlechte Laune.
Schrapnella saß neben ihm und blätterte in einer Zeitschrift.
„Die sind zu spät.“
Sie sah auf die Uhr.
„Drei Minuten.“
„Termin ist Termin.“
„Vielleicht ist vor dir jemand dran, der länger braucht.“
„Dann sollen die dem einen späteren Termin geben.“
Schrapnella blätterte eine Seite weiter.
Darauf konnte man eigentlich nichts Vernünftiges antworten.
Opa Horst sah zur Tür.
Dann auf die Uhr.
Dann wieder zur Tür.
„Du wolltest hierher“, sagte Schrapnella.
„Nein.“
Sie senkte die Zeitschrift.
„Wie bitte?“
„Ich habe gesagt, du kannst anrufen.“
„Und dann hast du gesagt, Dienstag passt.“
„Das ist nicht dasselbe wie wollen.“
„Stimmt.“
Opa Horst nickte zufrieden.
Wenigstens das war geklärt.
Die Tür öffnete sich.
„Herr Horst?“
Opa Horst stand sofort auf.
„Na endlich.“
Schrapnella legte die Zeitschrift weg.
„Ich warte hier.“
Opa Horst blieb stehen.
„Du kommst mit.“
Jetzt war sie überrascht.
„Ich?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil du den Termin gemacht hast.“
„Deshalb muss ich nicht mit rein.“
Opa Horst griff nach seiner Jacke.
„Jetzt komm.“
Schrapnella sagte nichts mehr und folgte ihm.
Im Behandlungszimmer setzte sich Opa Horst auf den Stuhl.
Der Zahnarzt fragte nach seinen Beschwerden.
„Eigentlich keine.“
Schrapnella sah zur Seite.
Der Zahnarzt sah von Opa Horst zu ihr.
„Die Prothese drückt nach dem Essen“, sagte sie.
Opa Horst hob einen Finger.
„Manchmal.“
„Und sie bewegt sich.“
„Ein bisschen.“
„Und du setzt sie manchmal dreimal ein, bis sie sitzt.“
Opa Horst drehte den Kopf zu ihr.
„Du solltest hier eigentlich nur mitkommen.“
„Ich sitze doch nur hier.“
Der Zahnarzt musste lächeln.
„Dann schauen wir uns das einfach mal an.“
Opa Horst öffnete den Mund.
Diesmal ohne Pferdekommentar.
Schrapnella verkniff sich das Grinsen.
Der Zahnarzt nahm die Prothese heraus und untersuchte Opa Horsts Mund.
Dann sah er sich den Zahnersatz genauer an.
„Hier ist eine kleine Druckstelle.“
Opa Horst wollte sofort etwas sagen.
Mit offenem Mund kam allerdings nicht viel dabei heraus.
„Einen Moment noch“, sagte der Zahnarzt.
Opa Horst sah Schrapnella an.
Sie kannte diesen Blick.
Diesmal war sie vernünftig und sagte nichts.
Nach der Untersuchung durfte Opa Horst sich wieder aufsetzen.
„Also“, sagte der Zahnarzt, „Ihre Prothese sitzt nicht mehr ganz so, wie sie sollte.“
Opa Horst sah ihn an.
„Hab ich doch gesagt.“
Schrapnella drehte den Kopf.
„Wann?“
„Dass sie manchmal drückt.“
„Das ist etwas anderes.“
„Für mich nicht.“
Der Zahnarzt erklärte, dass sich im Mund über die Jahre etwas verändern kann. Eine Prothese, die früher gut gepasst hat, kann deshalb irgendwann anfangen zu drücken, lockerer zu sitzen oder sich beim Kauen zu bewegen.
Opa Horst hörte aufmerksam zu.
Zumindest sah es so aus.
„Die kleine Druckstelle hier passt dazu“, sagte der Zahnarzt. „Da sollten wir etwas machen.“
Opa Horst nickte.
„Mhm.“
Der Zahnarzt erklärte weiter, dass er prüfen müsse, wie die Prothese am besten angepasst werden kann.
Opa Horst nickte wieder.
„Mhm.“
Schrapnella kannte dieses Mhm.
„Hast du verstanden, was er gesagt hat?“
Opa Horst sah sie empört an.
„Natürlich.“
Der Zahnarzt erklärte noch etwas.
Opa Horst beugte sich ein Stück nach vorne.
„Was?“
Der Zahnarzt wiederholte den Satz.
Opa Horst sah zu Schrapnella.
„Was hat er gesagt?“
Sie sagte es etwas lauter noch einmal.
„Ach so.“
Der Zahnarzt sprach weiter.
Opa Horst nickte.
Dann schaute er wieder zu Schrapnella.
Diesmal sagte sie nichts.
Opa Horst wartete.
„Was?“, fragte sie.
„Na?“
„Was na?“
„Was hat er gesagt?“
„Papa, ich kann doch nicht alles zweimal sagen.“
„Dann soll er lauter reden.“
Der Zahnarzt hatte das gehört.
„Ich kann auch lauter sprechen, Herr Horst.“
„Na also.“
Schrapnella sah ihren Vater an.
Das war ihr in letzter Zeit schon ein paarmal aufgefallen.
Zu Hause konnte man den Fernseher schließlich lauter machen.
Menschen leider nicht immer.
Aber heute waren sie wegen seiner Zähne hier.
Ein Problem nach dem anderen.
Der Zahnarzt erklärte Opa Horst noch, was mit der Prothese gemacht werden sollte und worauf er bis dahin bei der Druckstelle achten sollte.
Diesmal sprach er etwas lauter.
Opa Horst verstand jedes Wort.
Als sie später wieder draußen waren, blieb er vor der Praxis stehen.
„Na bitte.“
„Was na bitte?“
„War doch nichts.“
Schrapnella sah ihn an.
„Du hast eine Druckstelle und die Prothese sitzt nicht richtig.“
„Eben.“
„Das ist für dich nichts?“
„Kann man doch machen.“
Schrapnella lächelte.
Damit hatte er ausnahmsweise sogar recht.
Opa Horst ging los.
Nach ein paar Metern drehte er sich um.
„Und das mit dem Hören kannst du gleich wieder vergessen.“
Schrapnella blieb stehen.
„Ich habe überhaupt nichts gesagt.“
„Noch nicht.“
Er ging weiter.
Schrapnella folgte ihm.
Das Thema war offenbar bereits eröffnet.
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
Beim Zahnarzt bekommt Opa Horsts Problem endlich einen Namen:
Seine Prothese sitzt nicht mehr richtig und es hat sich bereits eine kleine Druckstelle gebildet.
Damit ist für Schrapnella aber noch etwas anderes sichtbar geworden.
Angehörige können bei einem Arzt- oder Zahnarzttermin eine wichtige Unterstützung sein.
Vier Ohren hören manchmal tatsächlich mehr als zwei.
Vor einem Termin kann es helfen, gemeinsam zu überlegen, was in letzter Zeit aufgefallen ist, seit wann Beschwerden bestehen und was bisher dagegen unternommen wurde.
Bei Opa Horst waren das ganz konkrete Beobachtungen:
Die Prothese drückt besonders nach dem Essen. Er nimmt sie dann heraus, reinigt sie und muss sie beim Wiedereinsetzen häufig zurechtrücken. Das macht er schon seit längerer Zeit.
Solche Informationen können dem Zahnarzt helfen, die Beschwerden besser einzuordnen. Denn Opa Horst hätte auf die Frage nach seinen Beschwerden wahrscheinlich einfach geantwortet:
„Eigentlich habe ich nichts.“
Auch während eines Termins kann eine Begleitperson unterstützen. Sie kann an vergessene Fragen erinnern, Beobachtungen ergänzen oder nachfragen, wenn eine Erklärung unverständlich war.
Gerade wenn jemand schlechter hört, ist es hilfreich, darauf zu achten, dass die behandelnde Person gut verständlich spricht und wichtige Informationen tatsächlich angekommen sind.
Dabei bleibt eines besonders wichtig:
Der Arztbesuch gehört Opa Horst.
Er sitzt auf dem Behandlungsstuhl, es geht um seinen Mund und seine Behandlung.
Deshalb sollten Fragen und Erklärungen zunächst direkt an ihn gerichtet werden. Schrapnella kann ergänzen und unterstützen, wenn er das möchte.
Nach dem Termin können beide noch einmal besprechen, was der Zahnarzt festgestellt hat und wie es weitergeht.
Manchmal hilft es auch, wichtige Informationen oder den nächsten Termin aufzuschreiben.
Merke: Angehörige können bei Arztbesuchen eine wertvolle Unterstützung sein. Sie helfen dabei, Beobachtungen weiterzugeben, Fragen zu klären und Vereinbarungen nicht zu vergessen. Die betroffene Person bleibt dabei im Mittelpunkt des Gesprächs und entscheidet selbst, solange sie dazu in der Lage ist.
Wie geht es weiter?
Eigentlich wollte Schrapnella nach dem Zahnarzt das Thema Mund erst einmal abhaken.
Opa Horst hatte allerdings nebenbei ein neues aufgemacht.
„Und das mit dem Hören kannst du gleich wieder vergessen.“
Das hätte er besser nicht gesagt.
Fortsetzung folgt.
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Inhalte dieser Geschichte sowie des Abschnitts „Was steckt dahinter? – Pflegewissen“ dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle medizinische, pflegerische oder zahnärztliche Beratung.
Wiederkehrende Druckstellen, Schmerzen, Veränderungen der Mundschleimhaut, Probleme beim Kauen sowie lockerer oder störender Zahnersatz sollten zahnärztlich abgeklärt werden.
Bereich: Pflege verstehen
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