
Opa Horst und das Licht im Dunkeln
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Eine Tasche im dunklen Flur bringt Schrapnella zum Nachdenken. Waren all die kleinen Veränderungen der letzten Wochen wirklich nur Kleinigkeiten – oder lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen?
Im Dunkeln sieht man schlechter
Es war schon dunkel, als Schrapnella bei Opa Horst ankam.
Eigentlich hatte sie früher kommen wollen, aber der Tag war ihr davongelaufen.
Sie schloss die Haustür hinter sich.
Aus dem Wohnzimmer hörte sie den Fernseher.
Im Flur sah sie dagegen nicht besonders viel.
„Papa?“
„Im Wohnzimmer.“
„Das höre ich.“
Schrapnella zog ihre Jacke aus und tastete nach dem Lichtschalter.
Klick.
„Meine Güte“, kam es aus dem Wohnzimmer.
„Was denn?“
„Musst du gleich das ganze Haus beleuchten?“
„Ich habe im Flur Licht angemacht.“
„Ich weiß, was du gemacht hast.“
Schrapnella hängte ihre Jacke auf.
Opa Horst erschien in der Wohnzimmertür.
„Komm rein. Tee ist fertig.“
Er drehte sich um und wollte zurückgehen.
Zwei Schritte später blieb er abrupt stehen.
„Mensch!“
Direkt vor ihm stand eine Tasche.
Opa Horst machte einen Schritt zur Seite.
„Wer stellt denn so was mitten in den Weg?“
Schrapnella sah auf die Tasche.
„Du.“
Opa Horst drehte sich zu ihr.
„Ich?“
„Die hast du gestern aus dem Auto geholt.“
Er musterte die Tasche.
„Kann sein.“
„Kann sein?“
„Na, irgendwer muss sie ja reingebracht haben.“
„Ja. Du.“
Opa Horst schob sie mit dem Fuß an die Wand.
„Trotzdem stand sie bescheuert.“
Schrapnella musste lachen.
„Da gebe ich dir sogar recht.“
„Siehst du.“
Opa Horst ging ins Wohnzimmer zurück.
Schrapnella blieb noch einen Moment im Flur.
Mit Licht war die Tasche kaum zu übersehen.
Daneben die Treppe.
Der Korb stand noch immer an seinem Platz.
Ein Stück weiter die Kante des Teppichs.
Und neben der Tür Opa Horsts alte Schlappen.
Sie kannte das alles.
Trotzdem sah es abends irgendwie anders aus.
„Willst du heute im Flur bleiben?“, rief Opa Horst.
„Dann wird der Tee kalt.“
Schrapnella ging ins Wohnzimmer.
Opa Horst hatte es sich bereits in seinem Sessel bequem gemacht. Die Füße lagen auf dem kleinen Hocker, der Fernseher lief leise im Hintergrund.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Tee.
Schrapnella setzte sich aufs Sofa und nahm ihre Tasse.
„Was gibt's?“, fragte Opa Horst.
„Nichts Besonderes.“
„Du bist abends noch hier. Irgendwas ist immer.“
„Ich wollte dich einfach besuchen.“
Opa Horst sah sie über den Rand seiner Tasse hinweg an.
„Aha.“
„Man kann seinen Vater auch einfach so besuchen.“
„Kann man.“
Eine Weile schauten beide zum Fernseher.
Dann sagte Schrapnella:
„Im Flur sieht man abends echt wenig.“
„Nachts ist es dunkel.“
Schrapnella sah ihn an.
„Danke, Papa.“
„Gern.“
„Die Tasche hättest du ohne Licht jedenfalls kaum gesehen.“
Opa Horst nahm einen Schluck Tee.
„Hab sie doch gesehen.“
„Gerade noch.“
„Reicht.“
Schrapnella schüttelte den Kopf und trank ihren Tee.
Nach einer Weile sagte sie:
„Mir sind in letzter Zeit ein paar Sachen aufgefallen.“
Opa Horst sah sie an.
„Das klingt schon wieder nach meckern.“
Schrapnella lachte.
„Diesmal noch nicht.“
„Noch nicht gefällt mir nicht.“
„Ich will nur mal mit dir durch die Wohnung gehen.“
„Warum?“
„Weil ich vorhin im Flur fast weniger gesehen habe als du.“
„Ich habe alles gesehen.“
„Die Tasche auch?“
Opa Horst schwieg.
Schrapnella wartete.
„Jetzt steht sie an der Wand.“
„Stimmt.“
„Also.“
Sie nahm noch einen Schluck Tee.
„Sonntag?“
„Was ist Sonntag?“
„Da schauen wir uns das mal zusammen an.“
Opa Horst runzelte die Stirn.
„Was genau?“
„Keine Ahnung. Licht. Teppiche. Ob irgendwo was blöd herumsteht.“
„Meine Wohnung steht seit Jahren so.“
„Deine Tasche seit gestern.“
Opa Horst verzog das Gesicht.
„Die zählt nicht.“
„Natürlich nicht.“
„Und du räumst nichts um.“
„Nicht ohne dich.“
„Meine Schlappen bleiben.“
„Die haben mit der Wohnung überhaupt nichts zu tun.“
„Bei dir weiß man ja nie.“
Schrapnella stellte ihre Tasse ab.
„Also Sonntag?“
Opa Horst überlegte.
„Nach dem Mittag.“
„Abgemacht.“
Er nahm die Fernbedienung und machte den Fernseher wieder etwas lauter.
Damit war das Thema für ihn erledigt.
Als Schrapnella später ihre Jacke anzog, brannte das Flurlicht noch immer.
Opa Horst stand in der Wohnzimmertür.
„Licht.“
Schrapnella öffnete die Haustür.
„Du bist doch noch hier.“
„Ja.“
„Dann brauchst du es.“
„Ich kenne meinen Flur.“
Schrapnella sah auf die Tasche an der Wand.
„Offensichtlich.“
„Raus jetzt.“
Sie zog die Tür hinter sich zu.
Noch bevor sie das Gartentor erreicht hatte, wurde es hinter dem Flurfenster dunkel.
Natürlich.
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
In den letzten Wochen sind bei Opa Horst einige Kleinigkeiten zusammengekommen.
Der Topf steht griffbereit, weil tiefes Bücken umständlicher geworden ist.
Im Badezimmer setzt sich Opa Horst hin, wenn ihm das Stehen zu lange wird.
An der Treppe sammelt er Dinge, damit er nicht ständig hoch und runter läuft.
Beim Sockenanziehen kommt er schlechter an seine Füße.
Seine alten Schlappen lassen sich leicht anziehen, sitzen aber nicht besonders fest.
Dann war da die Teppichkante.
Und heute Abend die Tasche im dunklen Flur.
Jede dieser Situationen hatte für sich genommen eine ziemlich einfache Erklärung.
Jetzt schaut Schrapnella zum ersten Mal auf das Ganze.
In der Pflege nennt man Vorbeugen auch Prophylaxe.
Vorbeugen (Prophylaxe) bedeutet vereinfacht: möglichst früh etwas dafür zu tun, damit ein Problem gar nicht erst entsteht oder zumindest unwahrscheinlicher wird.
Bei Opa Horst kann das mit ganz kleinen Dingen anfangen.
Eine Tasche muss nicht mitten im Laufweg stehen.
Im Dunkeln hilft Licht.
Und Schuhe sollten beim Laufen möglichst gut am Fuß sitzen.
Mehr muss Schrapnella an diesem Abend noch gar nicht daraus machen.
Am Sonntag wollen die beiden gemeinsam schauen, was ihnen in Opa Horsts Wohnung auffällt.
Dabei werden sie zwangsläufig bei einem Thema landen, das in der Pflege Sturzprophylaxe heißt – also dem Vorbeugen von Stürzen.
Was wirklich dazugehört und was davon im Alltag sinnvoll ist, schauen wir uns anschließend ausführlicher an.
Merke: Vorbeugen (Prophylaxe) beginnt oft mit kleinen Beobachtungen – bevor daraus ein größeres Problem wird.
Wie geht es weiter?
Am Sonntag wird Opa Horst wohl oder übel mit Schrapnella eine Runde durch seine Wohnung drehen.
Danach hat er von „Vorbeugen“ wahrscheinlich erst einmal genug.
Ein paar Tage später sitzen die beiden beim Mittagessen.
Und diesmal ist es Opa Horst selbst, der anfängt zu meckern.
„Das Fleisch wird auch jedes Jahr zäher.“
Schrapnella schaut auf ihren Teller.
Ihr Fleisch ist eigentlich ziemlich zart.
Fortsetzung folgt.
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Inhalte dieser Geschichte sowie des Abschnitts „Was steckt dahinter? – Pflegewissen“ dienen der allgemeinen Information und sollen zum Beobachten, Nachdenken und Perspektivwechsel anregen. Sie stellen keine individuelle medizinische, pflegerische oder therapeutische Beratung dar.
Aus beschriebenen Verhaltensweisen oder Veränderungen lassen sich keine Diagnosen oder individuellen Risiken ableiten. Bei Stürzen, neu auftretenden oder zunehmenden Beschwerden sowie bei Unsicherheiten sollte im individuellen Fall fachlicher beziehungsweise ärztlicher Rat eingeholt werden.
Bereich: Pflege verstehen
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