
Opa Horst und die trockene Dusche
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Opa Horst will nicht mehr duschen – aber ungewaschen bleiben will er offenbar auch nicht. Als er seine eigene Lösung findet, merkt Schrapnella, dass sie vielleicht die ganze Zeit die falsche Frage gestellt hat.
Manchmal hilft eine andere Sichtweise
Am nächsten Morgen beschloss Schrapnella, nichts zu sagen.
Kein:
„Papa, willst du nicht duschen?“
Kein:
„Papa, hast du dich schon gewaschen?“
Und ganz bestimmt kein:
„Papa, soll ich dir helfen?“
Auf Letzteres hätte Opa Horst wahrscheinlich mit Enterbung reagiert.
Also trank Schrapnella ihren Kaffee und wartete.
Irgendwann verschwand Opa Horst tatsächlich im Badezimmer.
Aha.
Eine ganze Weile später öffnete sich die Tür.
Opa Horst kam heraus.
Frisch gewaschen.
Rasiert.
Die grauen Haare ordentlich zurückgekämmt.
Frisches Hemd. Hose. Gürtel.
Und eine ordentliche Portion Rasierwasser kündigte seine Ankunft ungefähr drei Sekunden vor ihm an.
Nur sein Gesicht sah aus, als hätte ihn das alles persönlich beleidigt.
Schrapnella musterte ihn.
Opa Horst blieb stehen.
„Was?“
„Nichts.“
„Du guckst.“
„Darf ich nicht gucken?“
„Nicht so.“
Schrapnella musste grinsen.
„Du warst duschen.“
„Nein.“
„Aber du bist gewaschen.“
„Messerscharf kombiniert.“
Jetzt wollte sie es wissen.
„Wie hast du das gemacht?“
Opa Horst sah sie an, als hätte sie gerade gefragt, wie man einen Löffel benutzt.
„Am Waschbecken.“
„Komplett?“
„Früher haben wir uns immer am Waschbecken gewaschen. Da hat auch keiner eine Wissenschaft draus gemacht.“
Schrapnella lachte.
„Du hast also eine trockene Dusche gemacht.“
Opa Horsts Gesicht verfinsterte sich noch ein bisschen mehr.
„Eine was?“
„Trockene Dusche.“
„So ein Quatsch.“
„Klingt gut.“
„Klingt bescheuert.“
„Bleibt trotzdem.“
Opa Horst schüttelte den Kopf.
„Ihr macht heutzutage aus allem einen Namen.“
Damit ging er an ihr vorbei.
Schrapnella blieb zurück.
Und plötzlich ergab etwas Sinn.
Opa Horst wollte sich nicht nicht waschen.
Er wollte offenbar nur nicht duschen.
Das war ein Unterschied.
Und ein ziemlich großer.
Später stellte Schrapnella das Duschgel zurück ins Badezimmer.
„Kannst du gleich drinlassen“, rief Opa Horst aus dem Wohnzimmer.
„Warum?“
„Weil ich das nicht brauche.“
„Nie mehr?“
„Hab ich nicht gesagt.“
Schrapnella ging zu ihm.
„Warum dann nicht jetzt?“
Opa Horst sah weiter auf seine Zeitung.
„Weil ich keine Lust habe.“
Da war es wieder.
Die Antwort aus den letzten Tagen.
Diesmal gab Schrapnella sich damit nicht zufrieden.
„Papa, ist dir das Duschen zu anstrengend?“
„Nein.“
Die Antwort kam schnell.
Vielleicht ein bisschen zu schnell.
„Dann verstehe ich es nicht.“
Opa Horst schwieg.
„Papa?“
„Man steht da ewig rum.“
Schrapnella musste sich ein Grinsen verkneifen.
„Ewig?“
„Ja.“
„Du duschst fünf Minuten.“
Opa Horst sah sie an.
„Fünf Minuten können lang sein.“
Jetzt wurde Schrapnella aufmerksam.
„Fällt dir das Stehen schwer?“
Opa Horst verzog das Gesicht.
„Schwer. Immer gleich diese Wörter.“
„Wie würdest du es denn nennen?“
Kurze Pause.
„Anstrengender.“
Da war es.
Nicht:
Ich kann es nicht.
Nicht:
Ich brauche Hilfe.
Nur:
Anstrengender.
„Und am Waschbecken?“
„Da kann ich machen, wie ich will.“
„Und zwischendurch sitzen.“
Opa Horst sah sie an.
„Zum Beispiel.“
Schrapnella nickte.
Mehr sagte sie nicht.
Denn langsam verstand sie.
Opa Horst hatte nicht aufgehört, sich zu waschen.
Er hatte auch nicht darauf gewartet, dass jemand kam und ihm half.
Er hatte etwas verändert.
Ganz allein.
Weil etwas, das früher selbstverständlich gewesen war, inzwischen mehr Kraft kostete.
Am Waschbecken konnte er sich Zeit lassen.
Er konnte sich zwischendurch hinsetzen.
Und trotzdem alles selbst machen.
Für Opa Horst war die Sache damit wahrscheinlich erledigt.
Für Schrapnella hatte sich dagegen etwas verändert.
Nicht bei Opa Horst.
Bei ihr.
Vielleicht musste sie nicht ständig überlegen, wie sie ihren Vater dazu bekam, etwas wieder so zu machen wie früher.
Vielleicht musste sie erst einmal verstehen, warum er angefangen hatte, es anders zu machen.
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
In Folge 1 war Schrapnella aufgefallen, dass Opa Horst seine gewohnte Körperpflege verändert hatte.
Jetzt erfährt sie auch warum.
Opa Horst kann sich weiterhin selbst waschen. Er hat auch nicht plötzlich aufgehört, auf seine Körperpflege zu achten. Das längere Stehen beim Duschen ist für ihn einfach anstrengender geworden.
Also hat er selbst eine Lösung gefunden:
Er wäscht sich am Waschbecken.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn ältere Menschen ihre Routinen verändern, bedeutet das nicht automatisch, dass sie etwas nicht mehr können. Manchmal passen sie ihren Alltag selbst an ihre Kräfte und Möglichkeiten an.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur zu fragen:
„Was macht jemand nicht mehr?“
Sondern auch:
„Wie macht er es stattdessen – und warum?“
Genau das erkennt Schrapnella bei Opa Horst. Sie muss ihm die Körperpflege nicht abnehmen. Zunächst muss sie verstehen, warum er sie anders organisiert.
Und dabei zeigt sich bereits etwas, das für die nächsten Folgen wichtig wird: Selbstständigkeit zu erhalten kann auch bedeuten, gemeinsam nach kleinen Veränderungen zu suchen, die eine Tätigkeit wieder leichter machen.
Merke: Eine veränderte Routine bedeutet nicht automatisch Verlust von Selbstständigkeit. Manchmal ist sie gerade der Versuch, selbstständig zu bleiben.
Wie geht es weiter?
Seit der Sache mit der „trockenen Dusche“ sieht Schrapnella ihren Vater ein bisschen anders.
Nicht hilfloser.
Nicht pflegebedürftiger.
Einfach genauer.
Und plötzlich fallen ihr auch an anderen Stellen Kleinigkeiten auf, über die sie früher wahrscheinlich gar nicht nachgedacht hätte.
Vielleicht ist die Dusche nämlich nicht das Einzige, was Opa Horst inzwischen anders macht …
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Inhalte dieser Geschichte und des Abschnitts „Was steckt dahinter?“ dienen der allgemeinen Information und sollen zum Beobachten, Nachdenken und Perspektivwechsel anregen. Sie stellen keine individuelle medizinische, pflegerische oder therapeutische Beratung dar.
Aus beschriebenen Verhaltensweisen oder Veränderungen lassen sich keine Diagnosen ableiten. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Unsicherheiten sollte im individuellen Fall fachlicher Rat eingeholt werden.
Bereich: Pflege verstehen
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