
Opa Horst will sich nicht waschen – oder doch?
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Opa Horst hat seine Routinen. Umso mehr fällt Schrapnella auf, dass ausgerechnet eine davon plötzlich nicht mehr funktioniert wie immer. Ist Opa Horst einfach nur stur – oder steckt mehr dahinter?
Wenn sich vertraute Routinen verändern
Opa Horst hatte Routinen.
Nicht irgendwelche Routinen.
Opa Horst hatte seine Routinen.
Morgens Kaffee. Zwei Löffel Zucker. Zeitung. Danach Badezimmer.
Und wehe, jemand kam auf die Idee, diese Reihenfolge durcheinanderzubringen.
Deshalb fiel Schrapnella auch sofort auf, dass an diesem Morgen etwas anders war.
Opa Horst saß am Küchentisch.
Die Zeitung lag vor ihm. Der Kaffee daneben.
So weit, so normal.
Nur das Badezimmer hatte er offenbar aus seinem Tagesplan gestrichen.
„Papa, willst du dich nicht langsam fertig machen?“
Opa Horst blätterte eine Seite weiter.
„Bin doch fertig.“
Schrapnella sah ihn an.
Dann sah sie auf seinen Schlafanzug.
Dann wieder auf Opa Horst.
„Aha.“
„Was heißt hier aha?“
„Nichts.“
„Wenn du nichts meinst, sag auch nichts.“
Schrapnella grinste.
„Ich dachte nur, du wolltest dich noch waschen.“
Jetzt senkte Opa Horst die Zeitung.
Da war er.
Dieser Blick.
Der Blick, bei dem früher wahrscheinlich ganze Schulklassen freiwillig ihre Hausaufgaben nachgereicht hätten.
„Ich habe mich gewaschen.“
„Wann?“
„Heute.“
„Wo?“
„Im Bad.“
„Das grenzt die Sache natürlich enorm ein.“
Opa Horst knallte die Zeitung zusammen.
„Schrapnella! Ich bin alt genug, um mich allein zu waschen!“
„Das habe ich doch gar nicht gesagt.“
„Klang aber so.“
Und damit war die Unterhaltung für Opa Horst beendet.
Für Schrapnella eigentlich auch.
Eigentlich.
Denn am nächsten Morgen war es wieder dasselbe.
Kaffee.
Zeitung.
Kein Badezimmer.
Diesmal sagte sie zunächst nichts.
Erst später fragte sie:
„Papa, hast du heute keine Lust zu duschen?“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich keine Lust habe.“
„Gestern auch nicht.“
Opa Horst sah sie über den Rand seiner Brille an.
„Führst du jetzt Buch darüber, wann ich dusche?“
„Noch nicht.“
„Dann fang bloß nicht damit an.“
Schrapnella lachte.
Trotzdem blieb etwas hängen.
Nicht, weil Opa Horst einmal nicht duschen wollte.
Wer hatte schon jeden Tag Lust auf alles?
Es war etwas anderes.
Opa Horst war immer ein Mann seiner Gewohnheiten gewesen.
Und plötzlich änderte sich eine davon.
Ein paar Tage später sprach sie ihn noch einmal darauf an.
„Papa, ist irgendwas?“
„Was soll sein?“
„Keine Ahnung. Deshalb frage ich.“
„Mir geht’s gut.“
„Tut dir irgendwas weh?“
„Nein.“
„Ist dir das Duschen zu anstrengend?“
Opa Horst schnaubte.
„Ich bin doch kein Pflegefall.“
Da war er.
Der Satz, bei dem Schrapnella merkte, dass sie mit weiteren Fragen heute nicht mehr weit kommen würde.
„Hab ich auch nicht gesagt.“
Opa Horst nahm seine Zeitung wieder hoch.
„Na also.“
Schrapnella ließ ihn.
Noch.
Denn vielleicht war es wirklich nichts.
Vielleicht hatte Opa Horst einfach keine Lust.
Vielleicht war es nur eine neue Marotte.
Aber sie kannte ihren Vater.
Und wenn ein Mensch, der jahrelang auf seinen Gewohnheiten bestand, plötzlich anfing, sie zu verändern, durfte man zumindest einmal genauer hinschauen.
Nicht kontrollieren.
Nicht bevormunden.
Einfach hinschauen.
Und genau das nahm Schrapnella sich vor.
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
Nicht jede Veränderung bei einem älteren Menschen bedeutet automatisch, dass etwas nicht stimmt.
Auch ältere Menschen dürfen Gewohnheiten ändern, schlechte Tage haben oder schlicht keine Lust auf etwas haben.
Aufmerksam werden sollte man allerdings, wenn sich langjährige Gewohnheiten plötzlich oder wiederholt verändern. Dann kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen und nachzufragen.
Das bedeutet nicht, dass aus einer kleinen Veränderung sofort ein Pflegeproblem gemacht werden sollte.
Opa Horst ist dafür ein gutes Beispiel.
Er wäscht und kleidet sich selbstständig, gestaltet seinen Alltag selbst und entscheidet auch selbst darüber, wann und wie er das tut. Schrapnella pflegt ihn zu diesem Zeitpunkt nicht.
Sie kennt ihren Vater aber gut genug, um zu merken:
Das ist anders als sonst.
Hinter einer Veränderung können ganz unterschiedliche Dinge stecken. Körperliche Beschwerden können eine Rolle spielen, ebenso Unsicherheit oder Unwohlsein. Manchmal gibt es aber auch überhaupt keinen gesundheitlichen Grund.
Deshalb lässt sich aus einer einzelnen Beobachtung keine Diagnose ableiten.
Für Angehörige kann zunächst etwas viel Einfacheres wichtig sein:
Beobachten. Nachfragen. Ernst nehmen.
Und gleichzeitig akzeptieren, dass der andere ein selbstbestimmter Mensch bleibt.
Schrapnella weiß nach dieser Folge deshalb noch nicht, warum Opa Horst seine gewohnte Routine verändert.
Sie weiß nur:
Irgendetwas ist anders.
Wie geht es weiter?
Schrapnella will Opa Horst nicht bevormunden.
Aber sie möchte verstehen, warum ausgerechnet die Dusche plötzlich nicht mehr zu seiner gewohnten Morgenroutine gehört.
Am nächsten Morgen stellt sie fest:
Opa Horst hat längst seine eigene Lösung gefunden.
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die im Abschnitt „Pflegewissen“ enthaltenen Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle ärztliche, pflegerische oder therapeutische Beratung, Untersuchung oder Behandlung.
Aus den in der Geschichte beschriebenen Verhaltensweisen oder Beschwerden können keine Diagnosen abgeleitet werden. Bei neuen, anhaltenden, wiederkehrenden oder sich verschlechternden gesundheitlichen Beschwerden sollte fachlicher beziehungsweise ärztlicher Rat eingeholt werden.
Bereich: Pflege verstehen
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