
Opa Horst und die plötzlich praktische Wohnung
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Seit der Sache mit dem Badezimmer schaut Schrapnella genauer hin. Dabei entdeckt sie, dass Opa Horst nicht nur dort seinen Alltag verändert hat. Topf, Jacke, Brille – plötzlich steht alles dort, wo es für ihn „praktischer“ ist. Doch dann entdeckt sie einen Korb vor der Treppe.
Wenn „praktisch“ plötzlich ziemlich oft vorkommt
Seit der Sache mit dem Badezimmer hatte Schrapnella eine neue Angewohnheit.
Sie sah Dinge.
Dinge, die ihr vorher nie aufgefallen waren.
Nicht, weil sie neu waren.
Sondern weil sie vorher keinen Grund gehabt hatte, darüber nachzudenken.
An diesem Morgen begann es mit einem Topf.
Schrapnella stand in Opa Horsts Küche und wollte Kaffee kochen, als ihr Blick auf einen großen Kochtopf fiel.
Er stand auf der Arbeitsplatte.
„Papa?“
Aus dem Wohnzimmer kam ein wenig begeistertes:
„Was?“
„Warum steht dein Topf hier?“
„Weil das ein Topf ist.“
„Das sehe ich.“
„Warum fragst du dann?“
Schrapnella atmete einmal durch.
„Der stand doch früher unten im Schrank.“
Opa Horst erschien in der Küchentür.
„Jetzt steht er da.“
„Warum?“
„Praktischer.“
Da war es.
Dieses Wort.
Schrapnella sah den Topf an.
Dann Opa Horst.
„Praktischer.“
„Ja.“
„Weil du dich dann nicht bücken musst?“
Opa Horst verdrehte die Augen.
„Weil ich einen Topf, den ich ständig brauche, nicht jedes Mal aus der hintersten Ecke eines Schranks holen muss.“
„Also weil du dich dann nicht bücken musst.“
„Schrapnella.“
„Ist ja gut.“
Sie machte Kaffee.
Der Topf blieb stehen.
Eine Stunde später entdeckte sie Veränderung Nummer zwei.
Im Flur hing Opa Horsts meistgetragene Jacke nicht mehr an der Garderobe.
Sie hing über einem Stuhl.
„Papa?“
„Nein.“
Schrapnella drehte sich um.
„Ich habe noch gar nichts gefragt.“
„Aber du wirst.“
„Warum hängt deine Jacke über dem Stuhl?“
Opa Horst sah nicht einmal hin.
„Praktischer.“
Schrapnella presste die Lippen zusammen.
„Natürlich.“
„Was natürlich?“
„Nichts.“
Langsam machte es ihr Spaß.
Sie ging weiter.
Im Wohnzimmer lagen Zeitung, Fernbedienung und Lesebrille ordentlich auf dem kleinen Tisch neben Opa Horsts Sessel.
Eigentlich nichts Ungewöhnliches.
Nur hatte die Lesebrille früher immer auf dem Schreibtisch gelegen.
„Praktischer?“, fragte Schrapnella.
Opa Horst sah sie an.
„Willst du mich heute nerven?“
„Ein bisschen.“
„Das gelingt dir.“
Schrapnella grinste.
Je länger sie hinsah, desto mehr Kleinigkeiten entdeckte sie.
Nichts Dramatisches.
Nichts, bei dem sie sagen konnte:
Das kann Papa nicht mehr.
Im Gegenteil.
Opa Horst hatte dafür gesorgt, dass sein Alltag funktionierte.
Die Dinge, die er häufig brauchte, waren dort, wo er sie brauchte.
Nicht dort, wo sie irgendwann einmal hingehört hatten.
Schrapnella war diejenige, die darin zunächst Veränderungen sah, über die sie sich Gedanken machte.
Opa Horst sah überhaupt kein Problem.
Für ihn war die Sache viel einfacher.
Es war praktisch.
„Papa?“
Opa Horst legte seine Zeitung auf den Schoß.
„Jetzt kommt bestimmt wieder eine Untersuchung.“
„Nein.“
„Gut.“
„Ich wollte nur fragen, ob du die Sachen absichtlich alle umgeräumt hast.“
„Welche Sachen?“
„Topf. Jacke. Brille.“
Opa Horst zuckte mit den Schultern.
„Ich räume die Sachen dahin, wo ich sie brauche.“
„Seit wann?“
„Keine Ahnung.“
„Warum?“
Opa Horst sah sie an.
„Weil ich nicht bescheuert bin.“
Schrapnella lachte.
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Wenn ich jeden Morgen die gleiche Jacke anziehe, kann sie auch da hängen, wo ich sie anziehe.“
„Okay.“
„Wenn ich jeden zweiten Tag den gleichen Topf brauche, muss der nicht ganz unten im Schrank stehen.“
„Auch okay.“
„Und wenn ich meine Brille beim Lesen brauche, kann sie neben meiner Zeitung liegen.“
Schrapnella hob die Hände.
„Ich habe es verstanden.“
Opa Horst nahm seine Zeitung wieder hoch.
„Endlich.“
Und eigentlich hatte er recht.
Schrapnella hatte nach Veränderungen gesucht.
Opa Horst hatte nach Lösungen gesucht.
Das war nicht dasselbe.
Später wollte Schrapnella nach oben.
Sie hatte den Fuß schon auf der ersten Treppenstufe, als Opa Horst hinter ihr sagte:
„Was willst du oben?“
„Meine Tasche holen.“
„Die steht im Flur.“
Schrapnella drehte sich um.
Tatsächlich.
Da stand sie.
„Hast du die runtergebracht?“
„Ja.“
„Warum?“
Opa Horst zuckte mit den Schultern.
„Weil sie oben nichts zu suchen hat.“
Schrapnella nahm die Tasche.
Dann fiel ihr etwas auf.
Neben der Treppe stand ein kleiner Korb.
Darin lagen ein paar Dinge, die sie eindeutig von oben kannte.
„Papa?“
Opa Horst schloss kurz die Augen.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Schrapnella zeigte auf den Korb.
„Was ist das?“
„Ein Korb.“
„Danke. So weit war ich.“
„Warum fragst du dann?“
Sie musste lachen.
„Warum steht der da?“
„Da kommen Sachen rein, die nach oben müssen.“
„Und dann?“
„Nehme ich sie mit.“
„Alle zusammen?“
„Ja.“
Schrapnella schwieg.
Opa Horst sah sie an.
„Was?“
„Nichts.“
„Du guckst wieder.“
„Ich denke.“
„Oh Gott.“
Schrapnella sah zur Treppe.
Dann zum Korb.
Und plötzlich wusste sie, was ihr die ganze Zeit noch nicht aufgefallen war.
Früher lief Opa Horst wegen jedem Kleinkram nach oben.
Brille vergessen.
Hoch.
Pullover holen.
Hoch.
Irgendetwas wegbringen.
Wieder hoch.
In letzter Zeit offenbar nicht mehr.
Jetzt sammelte er die Sachen.
Ein Weg statt fünf.
Schrapnella deutete auf den Korb.
„Praktischer?“
Opa Horst zog eine Augenbraue hoch.
„Du lernst dazu.“
Diesmal grinste Schrapnella.
„Offensichtlich.“
Sie nahm ihre Tasche und ging.
Doch als sie später nach Hause fuhr, musste sie wieder an diesen Korb denken.
Nicht an den Topf.
Nicht an die Jacke.
Nicht an die Brille.
An den Korb vor der Treppe.
Vielleicht war er tatsächlich einfach nur praktisch.
Aber seit Schrapnella angefangen hatte, genauer hinzusehen, wusste sie auch:
Manchmal steckt hinter einem kleinen „praktischer“ eine Veränderung, über die Opa Horst einfach nicht gerne sprach.
Und deshalb blieb eine Frage hängen:
Warum waren fünf Wege nach oben plötzlich einer geworden?
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
Opa Horst hat offenbar ein neues Lieblingswort:
Praktischer.
Und wenn Schrapnella sich seine Wohnung genauer ansieht, erkennt sie langsam, was er damit meint.
Der Topf steht dort, wo er häufig gebraucht wird.
Die Jacke hängt griffbereit.
Die Lesebrille liegt neben der Zeitung.
Und Dinge, die irgendwann nach oben müssen, werden erst einmal gesammelt.
Opa Horst macht damit etwas ganz Einfaches:
Er spart sich unnötige Wege und unnötige Handgriffe.
Gerade wenn alltägliche Tätigkeiten mehr Kraft kosten als früher, kann es sinnvoll sein, nicht jede Aufgabe genauso zu erledigen, wie man es jahrzehntelang gemacht hat.
Häufig benutzte Gegenstände können beispielsweise so aufbewahrt werden, dass man sich nicht jedes Mal tief bücken, weit strecken oder zusätzliche Wege machen muss.
Auch Tätigkeiten zu sammeln oder über den Tag zu verteilen kann dazu beitragen, die eigenen Kräfte besser einzuteilen.
Das hat nichts mit Faulheit zu tun.
Es ist schlicht eine andere Art, mit der vorhandenen Energie umzugehen.
Und genau deshalb muss eine Veränderung im Haushalt nicht automatisch „korrigiert“ werden, nur weil etwas plötzlich an einem anderen Platz steht.
Manchmal ist der neue Platz einfach der bessere.
Nur bei Opa Horsts Korb vor der Treppe bleibt eine Frage offen.
Denn Kräfte zu sparen ist eine Sache.
Warum Opa Horst ausgerechnet seine Treppenwege so deutlich reduziert hat, ist eine andere.
Merke: Nicht jeder Weg und nicht jeder Handgriff muss gemacht werden, nur weil man ihn früher immer so gemacht hat. Manchmal bedeutet „praktischer“ einfach: Kräfte dort einsetzen, wo man sie wirklich braucht.
Wie geht es weiter?
Topf, Jacke und Brille kann Schrapnella inzwischen unter „praktisch“ verbuchen.
Nur der Korb vor der Treppe geht ihr nicht aus dem Kopf.
Warum waren fünf Wege nach oben plötzlich einer geworden?
Das wird Opa Horst ihr wohl erklären müssen.
Fortsetzung folgt: Opa Horst und die Treppe.
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Inhalte dieser Geschichte sowie des Abschnitts „Was steckt dahinter? – Pflegewissen“ dienen der allgemeinen Information und sollen zum Beobachten, Nachdenken und Perspektivwechsel anregen. Sie stellen keine individuelle medizinische, pflegerische oder therapeutische Beratung dar.
Aus beschriebenen Verhaltensweisen oder Veränderungen lassen sich keine Diagnosen ableiten. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Unsicherheiten sollte im individuellen Fall fachlicher Rat eingeholt werden.
Hat dir dieser Beitrag gefallen?
Wenn dir meine Geschichten und Inhalte helfen oder du einfach möchtest, dass Challenge Ju Life weiter wächst, kannst du meine Arbeit freiwillig unterstützen.
Challenge Ju Life unterstützenBereich: Pflege verstehen
Das könnte dich auch interessieren

Opa Horst und die trockene Dusche
Opa Horst will nicht mehr duschen – aber ungewaschen bleiben will er offenbar auch nicht. Als er seine eigene Lösung findet, merkt Schrapnella, dass sie vielleicht die ganze Zeit die falsche Frage gestellt hat.
Weiterlesen
Opa Horst und die Treppe
Der Korb vor der Treppe geht Schrapnella nicht aus dem Kopf. Opa Horst sammelt darin alles, was nach oben muss, und spart sich damit unnötige Wege. Eigentlich ziemlich clever. Doch als Schrapnella beobachtet, wie er mit dem vollen Korb die Treppe hinaufgeht, fällt ihr noch etwas anderes auf.
Weiterlesen
Opa Horst und die verdammten Socken
Opa Horst ist fast fertig angezogen. Eigentlich fehlt nur noch eine Socke. Doch ausgerechnet diese alltägliche Kleinigkeit wird plötzlich zur Geduldsprobe. Während Opa Horst überzeugt ist, dass die Socken neuerdings einfach zu eng sind, merkt Schrapnella: Vielleicht liegt das Problem diesmal gar nicht an der Socke.
WeiterlesenCommunity
Die Kommentarfunktion ist noch nicht freigeschaltet. Wenn dich ein Beitrag berührt oder du deine Geschichte teilen möchtest, schreib mir gern eine E-Mail an challenge-ju-life@web.de.
challenge-ju-life@web.de