
Opa Horst und die Treppe
Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch
Der Korb vor der Treppe geht Schrapnella nicht aus dem Kopf. Opa Horst sammelt darin alles, was nach oben muss, und spart sich damit unnötige Wege. Eigentlich ziemlich clever. Doch als Schrapnella beobachtet, wie er mit dem vollen Korb die Treppe hinaufgeht, fällt ihr noch etwas anderes auf.
Einmal hoch reicht auch
Der Korb stand immer noch da.
Genau dort, wo Schrapnella ihn beim letzten Mal entdeckt hatte.
Neben der Treppe.
Heute war er allerdings voller.
Ein Pullover.
Eine Packung Taschentücher.
Ein Buch.
Und irgendetwas, das verdächtig nach einer einzelnen Socke aussah.
Schrapnella blieb davor stehen.
„Papa?“
Aus dem Wohnzimmer kam die inzwischen vertraute Antwort.
„Was?“
„Dein Korb ist voll.“
„Dann hast du ja herausgefunden, wofür er da ist.“
„Die Sachen müssen nach oben?“
„Offensichtlich.“
Schrapnella schaute die Treppe hinauf.
Dann wieder auf den Korb.
„Wann bringst du die hoch?“
Opa Horst erschien in der Wohnzimmertür.
„Wenn ich hochgehe.“
„Und wann gehst du hoch?“
„Wenn ich oben was will.“
„Und wenn du vorher was hochbringen willst?“
„Dann bleibt es im Korb.“
Schrapnella grinste.
„Praktischer?“
Opa Horst verzog das Gesicht.
„Fängst du schon wieder damit an?“
„Ich frage nur.“
„Du fragst nie nur.“
Da hatte er nicht ganz unrecht.
Schrapnella nahm den Pullover aus dem Korb.
„Der liegt hier seit meinem letzten Besuch.“
„Und?“
„Du warst seitdem nicht oben?“
„Natürlich war ich oben.“
„Warum hast du ihn dann nicht mitgenommen?“
Opa Horst sah auf den Pullover.
Dann auf Schrapnella.
„Vergessen.“
„Aha.“
„Was heißt jetzt wieder aha?“
„Nichts.“
„Bei dir heißt aha nie nichts.“
Schrapnella legte den Pullover zurück.
Eigentlich wollte sie es dabei belassen.
Eigentlich.
Dann ging Opa Horst zur Treppe.
Er nahm den Korb.
Stellte einen Fuß auf die erste Stufe.
Und ging los.
Langsam.
Nicht unsicher.
Nicht wackelig.
Einfach langsamer als früher.
Oben angekommen blieb er kurz stehen.
„Alles gut?“, rief Schrapnella.
Opa Horst drehte sich um.
Dieser Blick.
„Ich bin eine Treppe hochgelaufen, Schrapnella. Nicht auf den Mount Everest.“
„Ich hab doch nur gefragt.“
„Mhm.“
Ein paar Minuten später kam er wieder herunter.
Schrapnella wartete schon.
Opa Horst sah sie.
„Nein.“
„Was nein?“
„Was auch immer du jetzt fragen willst.“
„Ich wollte nur wissen, ob dir die Treppe schwerfällt.“
„Nein.“
„Anstrengender?“
Opa Horst blieb stehen.
Das Wort kannte er.
Seit der Dusche.
„Ein bisschen.“
Schrapnella sagte nichts.
Opa Horst ging an ihr vorbei.
„Man muss ja nicht wegen jedem Mist zwanzigmal am Tag hochrennen.“
„Hast du früher aber gemacht.“
„Früher habe ich auch andere bescheuerte Sachen gemacht.“
Schrapnella musste lachen.
„Also sammelst du jetzt alles?“
„Ja.“
„Und nimmst es mit, wenn du sowieso hochgehst?“
„Ja.“
„Damit du weniger Treppen laufen musst.“
Opa Horst drehte sich zu ihr um.
„Du bist heute wieder erschreckend schnell.“
„Danke.“
„War kein Kompliment.“
Natürlich nicht.
Schrapnella setzte sich.
Opa Horst nahm seine Zeitung.
Eigentlich war damit alles gesagt.
Die Treppe funktionierte.
Opa Horst kam hoch.
Opa Horst kam wieder runter.
Er brauchte niemanden, der ihn führte.
Niemanden, der hinter ihm stand.
Und ganz bestimmt niemanden, der ihm verbot, seine eigene Treppe zu benutzen.
Sie war nur nicht mehr ganz so selbstverständlich wie früher.
Schrapnella sah noch einmal zum Korb.
„Papa?“
Opa Horst ließ die Zeitung sinken.
„Was denn noch?“
„Eigentlich ist der Korb ziemlich clever.“
Opa Horst nickte zufrieden.
„Endlich versteht sie es.“
„Wer ist sie?“
„Du.“
„Ich sitze direkt vor dir.“
„Ich weiß.“
Schrapnella schüttelte lachend den Kopf.
Dann fiel ihr etwas ein.
„Aber wenn du den vollen Korb die Treppe hochträgst, hast du doch beide Hände voll.“
Stille.
Opa Horst sah zum Korb.
Dann zur Treppe.
Dann zu Schrapnella.
„Jetzt fang nicht an.“
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Aber du wirst.“
Schrapnella grinste.
Das kam ihr irgendwie bekannt vor.
Was steckt dahinter? – Pflegewissen
Dass Opa Horst seine Treppenwege inzwischen besser plant, hat Schrapnella bereits verstanden.
Diesmal fällt ihr etwas anderes auf:
Die Treppe selbst ist für Opa Horst anstrengender geworden.
Treppensteigen verlangt dem Körper einiges ab.
Die Beine müssen das eigene Körpergewicht Stufe für Stufe anheben und beim Hinuntergehen wieder kontrolliert abfangen. Gleichzeitig braucht der Körper ausreichend Beweglichkeit, Kraft und Gleichgewicht.
Wenn beispielsweise die Kraft in den Beinen nachlässt, Gelenke weniger beweglich werden oder Knie beziehungsweise Hüfte Beschwerden machen, kann eine Treppe deshalb deutlich anstrengender werden als früher.
Ob bei Opa Horst tatsächlich einer dieser Gründe dahintersteckt, wissen wir allerdings nicht.
Schrapnella sieht zunächst nur:
Opa Horst kann die Treppe noch benutzen – aber sie kostet ihn inzwischen mehr Mühe.
Und dann ist da noch sein Korb.
Die Idee dahinter ist eigentlich ziemlich clever: Dinge sammeln und beim nächsten Weg gemeinsam mit nach oben nehmen.
Nur hat die Sache einen Haken.
Mit einem vollen Korb in den Händen bleibt wenig übrig, womit man sich festhalten kann.
Gerade auf einer Treppe sollte es möglich sein, einen vorhandenen Handlauf zu benutzen und die Stufen gut zu sehen.
Also muss Opa Horsts Idee nicht verschwinden.
Vielleicht braucht sie nur eine kleine Veränderung.
Kleine, leichte Gegenstände könnten beispielsweise in einer geeigneten leichten Tasche oder einem kleinen Rucksack transportiert werden. So kann mindestens eine Hand für den Handlauf frei bleiben.
Größere, schwere oder unhandliche Dinge sind etwas anderes.
Wenn sie nicht sicher über die Treppe transportiert werden können, ist es vernünftiger, sich dabei helfen zu lassen, als mit vollen Händen oder eingeschränkter Sicht die Treppe zu benutzen.
Auch die Treppe selbst kann man sich anschauen:
Sind die Stufen frei?
Ist die Treppe ausreichend beleuchtet?
Ist ein stabiler Handlauf gut erreichbar?
Kann Opa Horst die Stufen vollständig sehen?
Liegen Teppichauflagen oder sogenannte Stufenschoner auf der Treppe, sollte auch darauf geachtet werden, dass sie sicher befestigt sind und nicht selbst zur Stolperstelle werden.
Damit wird aus Schrapnellas Beobachtung eine ziemlich praktische Frage:
Wie kann Opa Horst weiterhin selbst nach oben gehen – und dabei trotzdem eine Hand frei haben?
Denn eine gute Lösung sollte nicht nur praktisch sein.
Sie sollte auch sicher funktionieren.
Merke: Dinge zu sammeln und Wege zu sparen kann sinnvoll sein. Auf der Treppe sollte dabei aber möglichst eine Hand zum Festhalten frei bleiben und die Sicht auf die Stufen nicht eingeschränkt werden.
Wie geht es weiter?
Eigentlich wäre die Sache mit der Treppe damit erledigt.
Wäre da nicht Opa Horst, der wenig später im Flur sitzt, eine Socke in der Hand hält und ziemlich schlecht gelaunt vor sich hin murmelt:
„Die Dinger werden auch jedes Jahr enger.“
Schrapnella schaut ihn an.
Und sagt erst einmal nichts.
Fortsetzung folgt: Opa Horst und die verdammten Socken.
Hinweis
Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Die Inhalte dieser Geschichte sowie des Abschnitts „Was steckt dahinter? – Pflegewissen“ dienen der allgemeinen Information und sollen zum Beobachten, Nachdenken und Perspektivwechsel anregen. Sie stellen keine individuelle medizinische, pflegerische oder therapeutische Beratung dar.
Aus beschriebenen Verhaltensweisen oder Veränderungen lassen sich keine Diagnosen ableiten. Bei neu auftretenden, zunehmenden oder anhaltenden Beschwerden sowie bei Unsicherheiten sollte im individuellen Fall fachlicher beziehungsweise ärztlicher Rat eingeholt werden.
Bereich: Pflege verstehen
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