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Opa Horst und die verdammten Socken
Folge 6Opa-Horst-GeschichtePflege verstehenMobilität & Sturz28. August 2026· 5 Min. Lesezeit

Opa Horst und die verdammten Socken

Teil der Serie: Opa Horst – Pflege verstehen ohne Fachchinesisch

Opa Horst ist fast fertig angezogen. Eigentlich fehlt nur noch eine Socke. Doch ausgerechnet diese alltägliche Kleinigkeit wird plötzlich zur Geduldsprobe. Während Opa Horst überzeugt ist, dass die Socken neuerdings einfach zu eng sind, merkt Schrapnella: Vielleicht liegt das Problem diesmal gar nicht an der Socke.

Die verdammten Socken

Als Schrapnella an diesem Morgen zur Tür hereinkam, hörte sie Opa Horst schon fluchen.

Nicht laut.

Aber deutlich genug.

„So ein verdammter Mist.“

Schrapnella blieb im Flur stehen.

Noch ein Geräusch.

Dann:

„Das kann doch nicht wahr sein.“

Sie zog ihre Jacke aus und ging in Richtung Schlafzimmer.

Opa Horst saß auf der Bettkante.

Eine Socke am rechten Fuß.

Die andere in der Hand.

Seine Haare waren gemacht.

Das Hemd lag bereit.

Die Hose hatte er schon an.

Eigentlich fehlte nur noch diese eine Socke.

Eigentlich.

Opa Horst beugte sich nach vorne.

Ein Stück.

Noch ein Stück.

Dann richtete er sich wieder auf.

Er sah die Socke an.

Die Socke sah nicht zurück.

„Was machst du da?“, fragte Schrapnella.

„Wonach sieht es denn aus?“

„Als würdest du mit einer Socke diskutieren.“

„Die ist zu eng.“

Schrapnella lehnte sich an den Türrahmen.

„Die Socke?“

„Ja.“

„Die gleiche Socke, die du seit Jahren kaufst?“

Opa Horst sah sie an.

„Dann machen die die jetzt anders.“

Natürlich.

Die Sockenindustrie hatte sich gegen Opa Horst verschworen.

Schrapnella sagte nichts.

Noch nicht.

Opa Horst versuchte es erneut.

Er zog ein Bein etwas näher heran.

Griff nach seinem Fuß.

Kam fast ran.

Die Socke rutschte ihm aus der Hand.

„Scheiße.“

Schrapnella biss sich auf die Lippe.

„Lach ruhig.“

„Ich lache gar nicht.“

„Du willst.“

„Ein bisschen.“

Opa Horst hob die Socke vom Boden auf.

„Früher ging das.“

Diesmal sagte er es leiser.

Schrapnella hörte auf zu grinsen.

„Was genau?“

„Na das hier.“

Er deutete auf seinen Fuß.

„Bein hoch. Socke drüber. Fertig.“

Dann hob er das Bein noch einmal an.

Nicht besonders hoch.

Er versuchte, den Fuß näher zu sich zu bringen.

Diesmal kam er ein Stück weiter.

Aber bequem sah anders aus.

„Tut dir was weh?“, fragte Schrapnella.

„Nein.“

„Knie?“

„Nein.“

„Hüfte?“

„Nein.“

„Rücken?“

Opa Horst sah sie an.

„Willst du noch alle Körperteile einzeln durchgehen?“

„Ich frage ja nur.“

„Das ist bei dir immer gefährlich.“

Schrapnella setzte sich auf den Stuhl gegenüber.

„Dann anders. Warum klappt es nicht mehr so gut?“

Opa Horst zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung.“

Das war neu.

Kein „praktischer“.

Keine große Erklärung.

Einfach:

Keine Ahnung.

Er versuchte es noch einmal.

Diesmal stellte er den Fuß auf einen kleinen Hocker.

Das ging besser.

Nicht gut.

Aber besser.

Schrapnella sah zu.

„So kommst du näher ran.“

„Das sehe ich selbst.“

„Ich sage ja nur.“

„Schon wieder.“

Opa Horst zog die Socke endlich über die Zehen.

Dann über die Ferse.

Dann saß sie.

Er lehnte sich zurück.

„Geht doch.“

Schrapnella sah auf die Uhr.

„Hat ja auch nur zehn Minuten gedauert.“

„Ich hatte Zeit.“

„Das ist die Hauptsache.“

Opa Horst ignorierte den Kommentar.

Er zog die Socke noch einmal ordentlich hoch und stellte den Fuß auf den Boden.

Schrapnella blieb sitzen.

„Papa?“

„Nein.“

„Ich wollte gar nichts sagen.“

„Dann tu es auch nicht.“

Sie grinste.

Opa Horst griff nach seinem Hemd und zog es an.

Schrapnella beobachtete ihn noch einen Moment.

Und tatsächlich:

Opa Horst konnte sich selbst anziehen.

Es dauerte nur länger.

Und manche Bewegungen, über die er früher überhaupt nicht nachgedacht hatte, waren plötzlich umständlicher geworden.

Das machte ihn nicht hilflos.

Aber es machte eine Socke erstaunlich mächtig.

Opa Horst stand auf.

„Kaffee.“

„Gute Idee.“

Er ging an Schrapnella vorbei.

Sie sah ihm hinterher.

Dann sah sie auf den Hocker.

Auf die Socken.

Und auf die kleinen Bewegungen, die Opa Horst gerade ganz selbstverständlich verändert hatte, damit es trotzdem funktionierte.

Vielleicht war diesmal gar nicht die Socke das Problem.

Vielleicht war es einfach schwieriger geworden, an den eigenen Fuß zu kommen.


Was steckt dahinter? – Pflegewissen

Socken anzuziehen wirkt wie eine Kleinigkeit.

Bis es plötzlich nicht mehr ganz so einfach geht.

Damit ein Mensch seinen Fuß erreichen kann, müssen mehrere Bewegungen zusammenspielen. Hüfte und Knie müssen sich ausreichend bewegen lassen, der Oberkörper muss sich nach vorne beugen können und auch Kraft und Gleichgewicht spielen eine Rolle.

Wenn eine dieser Bewegungen schwerer fällt, kann das Anziehen von Socken plötzlich deutlich länger dauern.

Bei Opa Horst wissen wir nicht genau, warum es schwieriger geworden ist.

Er hat keine Schmerzen angegeben.

Schrapnella sieht lediglich:

Er kommt nicht mehr so einfach an seinen Fuß wie früher.

Und genau deshalb muss die erste Lösung nicht automatisch heißen:

„Dann ziehe ich dir die Socken eben an.“

Opa Horst schafft es noch selbst.

Also lohnt sich zunächst die Frage:

Wie kann man es ihm leichter machen?

Eine gute Sitzposition kann bereits helfen.

Manche Menschen kommen besser an den Fuß, wenn sie stabil sitzen und das Bein etwas höher abstellen können.

Wenn das nicht ausreicht, gibt es außerdem sogenannte Sockenanziehhilfen. Dabei wird die Socke auf eine Vorrichtung gezogen und anschließend mithilfe von Bändern oder Griffen über den Fuß geführt.

Solche Hilfsmittel können besonders dann hilfreich sein, wenn das tiefe Bücken oder das Heranziehen des Beines schwieriger geworden ist.

Welche Lösung passt, hängt allerdings immer davon ab, welche Bewegungen noch gut möglich sind.

Und auch hier gilt:

Es geht nicht darum, eine Tätigkeit möglichst schnell für jemanden zu übernehmen.

Es geht darum herauszufinden, was ihm hilft, sie weiterhin selbst zu schaffen.

Merke: Wenn eine alltägliche Bewegung schwieriger wird, lohnt sich oft zuerst die Frage: Was genau macht die Bewegung schwer – und lässt sich dieser Teil vereinfachen?


Wie geht es weiter?

Die Socke sitzt.

Opa Horst ist zufrieden.

Im Flur schlüpft er in seine alten Schlappen und läuft Richtung Küche.

Schrapnella schaut ihm hinterher.

Dann schaut sie auf seine Füße.

Fortsetzung folgt.


Hinweis

Opa Horst, Schrapnella sowie alle weiteren Personen, Gespräche, Situationen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Die Inhalte dieser Geschichte sowie des Abschnitts „Was steckt dahinter? – Pflegewissen“ dienen der allgemeinen Information und sollen zum Beobachten, Nachdenken und Perspektivwechsel anregen. Sie stellen keine individuelle medizinische, pflegerische oder therapeutische Beratung dar.

Aus beschriebenen Verhaltensweisen oder Veränderungen lassen sich keine Diagnosen ableiten. Bei neu auftretenden, zunehmenden oder anhaltenden Beschwerden sowie bei Unsicherheiten sollte im individuellen Fall fachlicher beziehungsweise ärztlicher Rat eingeholt werden.

Bereich: Pflege verstehen

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