
Sturzprophylaxe: Tipps für pflegende Angehörige- Stürze vermeiden und sicher in Bewegung bleiben
Stürze haben oft nicht nur eine Ursache. Erfahre, wie du Sturzrisiken erkennst, die Wohnung sicherer gestaltest und Bewegung und Selbstständigkeit möglichst erhältst.
Sturzprophylaxe – Stürze vermeiden und sicher in Bewegung bleiben
Ein Sturz passiert innerhalb weniger Sekunden. Die Gründe dafür können aber ganz unterschiedlich sein – und oft kommen mehrere Dinge zusammen. Vielleicht ist das Gehen unsicherer geworden, die Kraft lässt nach, beim Aufstehen wird plötzlich schwindelig, die Brille passt nicht mehr richtig oder Medikamente spielen eine Rolle. Manchmal liegt das Problem auch ganz banal in einer Teppichkante oder auf einem schlecht beleuchteten Weg zur Toilette.
Sturzprophylaxe bedeutet deshalb nicht einfach, Stolperfallen zu beseitigen oder einen Menschen möglichst wenig laufen zu lassen.
Es geht darum herauszufinden, wo Unsicherheiten entstehen, welche Risiken sich verringern lassen und wie Bewegung und Selbstständigkeit möglichst erhalten werden können.
Auch der Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“ des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) verfolgt diesen Ansatz. Dabei werden Risiken berücksichtigt, die beim Menschen selbst, durch Medikamente oder in seiner Umgebung liegen können. Ziel ist es, Stürze möglichst zu vermeiden, mögliche Folgen zu verringern und die Mobilität – also die Fähigkeit, sich möglichst selbstständig und sicher zu bewegen – zu erhalten.
Woran kann man ein erhöhtes Sturzrisiko erkennen?
Gerade Angehörige kennen die Gewohnheiten eines Menschen oft sehr gut. Deshalb fallen ihnen Veränderungen im Alltag manchmal besonders schnell auf.
Ist der Gang unsicherer geworden? Fällt das Aufstehen schwerer? Hält sich die Person plötzlich häufiger an Möbeln oder Wänden fest? Wird ihr besonders beim Aufstehen aus dem Bett oder Sessel schwindelig? Haben Kraft oder Beweglichkeit nachgelassen?
Auch Stürze und Beinahe-Stürze sind wichtige Hinweise. Wenn sich jemand gerade noch am Schrank festhalten konnte oder beim Aufstehen fast das Gleichgewicht verloren hätte, ist zwar nichts passiert – trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Der DNQP weist ausdrücklich darauf hin, dass auch Beinahe-Stürze Hinweise auf bestehende Risiken geben können.
Ein früherer Sturz kann ebenfalls ein wichtiger Hinweis auf ein erhöhtes Sturzrisiko sein. Auch Muskelschwäche, Probleme mit dem Gleichgewicht, Sehbeeinträchtigungen, bestimmte Erkrankungen oder Medikamente können eine Rolle spielen.
Als Angehöriger musst du nicht selbst herausfinden, warum jemand plötzlich unsicherer geworden ist. Wichtig ist zunächst, die Veränderung zu bemerken und bei Bedarf fachlich abklären zu lassen.
Bewegung erhalten statt aus Angst vermeiden
Nach einem Sturz entsteht häufig Angst vor dem nächsten. Das betrifft nicht nur die gestürzte Person, sondern oft auch die Familie.
Dann ist ein Satz wie „Bleib lieber sitzen, ich mache das für dich“ verständlich und gut gemeint. Wenn aus dieser Vorsicht aber immer weniger Bewegung wird, kann das auf Dauer zum Problem werden.
Weniger Bewegung kann dazu führen, dass Kraft, Beweglichkeit und Sicherheit weiter nachlassen. Geeignete Bewegung und körperliches Training können dagegen zur Sturzprävention beitragen.
Je nach körperlicher Verfassung können schon kleine regelmäßige Bewegungs-, Kraft- oder Gleichgewichtsübungen sinnvoll sein. Bei deutlicher Unsicherheit, Schmerzen oder körperlichen Einschränkungen sollte vorher geklärt werden, welche Übungen geeignet und sicher sind.
Auch die Angst vor einem erneuten Sturz sollte ernst genommen werden. Sie kann dazu führen, dass ein Mensch sich immer weniger zutraut, Aktivitäten vermeidet und dadurch noch weniger in Bewegung kommt.
Das Ziel ist nicht möglichst wenig Bewegung, sondern möglichst sichere Bewegung.
Medikamente genauer anschauen
Auch Medikamente können das Sturzrisiko beeinflussen – zum Beispiel, wenn sie Schwindel, Benommenheit oder Kreislaufprobleme begünstigen.
Besonders wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden oder sich nach einem neuen Medikament beziehungsweise einer Dosisänderung etwas verändert, sollte das angesprochen werden.
Hilfreich ist ein aktueller Medikamentenplan. Damit kann man in der Arztpraxis oder Apotheke nachfragen:
Sind wirklich alle eingenommenen Medikamente bekannt? Passen die Medikamente noch zur aktuellen Situation? Könnten sich einzelne Medikamente gegenseitig beeinflussen? Sind Schwindel, Müdigkeit oder Gangunsicherheit möglicherweise nach einer Veränderung der Medikamente aufgetreten?
Auch der Toilettengang kann dabei eine Rolle spielen. Harntreibende Medikamente – in der Fachsprache Diuretika genannt – sorgen dafür, dass der Körper mehr Wasser über den Urin ausscheidet. Dadurch kann es häufiger notwendig sein, zur Toilette zu gehen.
Wer sehr dringend zur Toilette muss, steht möglicherweise schneller auf und läuft hastiger als gewöhnlich. Besonders nachts kann daraus eine ungünstige Situation entstehen.
Wenn häufige oder sehr dringende Toilettengänge auffallen, kann es deshalb sinnvoll sein, auch die Medikamente und ihre Einnahmezeiten mit der behandelnden Ärztin, dem behandelnden Arzt oder der Apotheke zu besprechen.
Medikamente niemals eigenständig absetzen, anders dosieren oder die Einnahmezeit verändern.
Ist die Brille noch aktuell?
Das Sehvermögen wird bei der Sturzprophylaxe leicht vergessen.
Wer Hindernisse, Stufen oder Unebenheiten schlechter erkennt, kann sich weniger sicher bewegen. Sehbeeinträchtigungen können deshalb das Sturzrisiko erhöhen.
Eine ganz einfache Frage kann deshalb hilfreich sein:
Wann wurde eigentlich zuletzt überprüft, ob die Brille noch passt?
Wenn das Sehvermögen nachgelassen hat oder die vorhandene Sehhilfe nicht mehr richtig passt, sollte das abgeklärt werden.
Wo genau entsteht die Unsicherheit?
„Kann nicht mehr so gut laufen“ sagt noch nicht viel darüber aus, wo das eigentliche Problem liegt.
Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen:
Fällt das Aufstehen aus dem Bett oder Sessel schwer? Wird der Person beim Aufstehen schwindelig? Fehlt Kraft in den Beinen? Ist das Gleichgewicht unsicher? Gibt es Schmerzen? Hat sich die Beweglichkeit nach einer Erkrankung, Operation oder einem Krankenhausaufenthalt verändert?
So lässt sich besser erkennen, wann die Person unsicher wird und wobei sie Unterstützung braucht.
Passen Rollator und Gehstock?
Ein Rollator oder Gehstock kann mehr Sicherheit geben und dabei helfen, möglichst selbstständig zu bleiben. Voraussetzung ist allerdings, dass die Gehhilfe zur Person passt und richtig benutzt wird.
Auch hier helfen einige einfache Fragen:
Ist ein vorhandener Rollator richtig eingestellt? Wird er sicher benutzt? Hat ein Gehstock die passende Höhe? Wäre überhaupt eine Gehhilfe sinnvoll?
Ein Rollator oder Gehstock macht das Gehen nicht automatisch sicherer, nur weil er vorhanden ist. Bei Unsicherheit über Auswahl, Einstellung oder Anwendung sollte man sich beraten lassen.
Die Wohnung einmal mit anderen Augen ansehen
Wer jeden Tag durch dieselbe Wohnung läuft, nimmt manche Hindernisse irgendwann kaum noch wahr.
Deshalb lohnt sich ein bewusster Rundgang:
Gibt es Stolperfallen in der Wohnung? Stehen Möbel oder Gegenstände ungünstig im Weg? Gibt es lose Kabel oder hochstehende Teppichkanten? Sind Türschwellen problematisch? Gibt es glatte oder rutschige Bereiche? Fällt das sichere Aufstehen oder Hinsetzen schwer? Sind häufig benötigte Dinge gut erreichbar? Muss sich jemand dafür weit strecken oder ungünstig bücken?
Auch die Schuhe gehören dazu. Schlecht sitzende oder ungeeignete Schuhe können die sichere Bewegung erschweren.
Besonders im Badezimmer lohnt sich ein genauer Blick. Gibt es rutschige Flächen? Kann sich die Person sicher festhalten? Sind geeignete Haltegriffe oder andere Hilfsmittel vorhanden, wenn sie benötigt werden?
Es geht nicht darum, vorsorglich die komplette Wohnung umzubauen. Viel wichtiger ist die Frage:
Wo entsteht bei diesem Menschen tatsächlich Unsicherheit?
Besonders wichtig: der Weg zur Toilette in der Nacht
Der nächtliche Toilettengang verdient einen eigenen Blick.
Wer gerade erst aufgewacht ist, ist möglicherweise noch schläfrig. Vielleicht kommt beim Aufstehen Schwindel dazu oder der Harndrang ist so stark, dass es schnell gehen soll.
Deshalb sollte der Weg vom Bett zur Toilette möglichst unkompliziert sein:
Ist der Weg frei? Muss im Dunkeln nach einem Lichtschalter gesucht werden? Stehen Gegenstände im Weg? Gibt es Teppichkanten oder Kabel? Ist auch das Badezimmer ausreichend beleuchtet?
Hier können ganz einfache Lösungen helfen. Kleine Nachtlichter oder Leuchten mit Bewegungsmelder können automatisch Licht geben, sobald jemand aufsteht oder den Flur betritt.
Dabei sollte die Beleuchtung so angebracht sein, dass sie selbst keine neue Stolpergefahr schafft.
Gerade bei häufigem nächtlichem Harndrang lohnt es sich, diesen Weg einmal tatsächlich in der Nacht anzusehen. Was tagsüber völlig problemlos wirkt, kann im Dunkeln ganz anders aussehen.
Nach einem Sturz nicht einfach zur Tagesordnung übergehen
Ein Sturz sollte nicht einfach mit „Da bist du wohl gestolpert“ abgehakt werden.
Hilfreicher ist es, sich anzusehen, was unmittelbar davor passiert ist:
Wo ist die Person gestürzt? Was wollte sie gerade tun? War ihr vorher schwindelig? War es dunkel? Musste sie vielleicht dringend zur Toilette? Gab es ein Hindernis? Wurde ein vorhandener Rollator oder Gehstock benutzt? Ist etwas Ähnliches schon einmal passiert?
Solche Beobachtungen können helfen, mögliche Risiken besser zu erkennen und zu überlegen, was verändert werden sollte.
Bei Verletzungen oder gesundheitlichen Beschwerden nach einem Sturz sollte medizinischer Rat eingeholt werden. Bei einem medizinischen Notfall gilt 112.
Du musst nicht alles selbst beurteilen können
Als pflegender Angehöriger musst du nicht wissen, welches Medikament möglicherweise eine Rolle spielt, warum jemand plötzlich Gleichgewichtsstörungen hat oder welche Gehhilfe die richtige ist.
Das Entscheidende ist häufig viel einfacher:
Veränderungen bemerken, genauer hinschauen und Fragen stellen.
Je nach Problem können beispielsweise die Hausarztpraxis, Pflegefachpersonen, Physiotherapie, Ergotherapie, Apotheke oder Fachleute für Hilfsmittel weiterhelfen.
Kurz gesagt – einmal selbst überprüfen
Bei der Sturzprophylaxe lohnt es sich, den Alltag einmal bewusst durchzugehen:
Hat sich das Gehen oder Aufstehen verändert? Gab es einen Sturz oder Beinahe-Sturz? Wird der Person beim Aufstehen schwindelig? Gibt es Angst vor einem erneuten Sturz? Ist die Brille noch aktuell? Sollten die Medikamente gemeinsam mit Arzt oder Apotheke überprüft werden? Gibt es häufigen oder dringenden Harndrang? Bleiben Bewegung, Kraft und Gleichgewicht möglichst erhalten? Ist ein vorhandener Rollator richtig eingestellt? Passt der Gehstock? Gibt es geeignete Hilfsmittel und Haltemöglichkeiten im Badezimmer? Gibt es Stolperfallen in der Wohnung? Sind die Schuhe geeignet? Ist der Weg zur Toilette auch nachts frei und gut beleuchtet? Könnten Nachtlichter oder Bewegungsmelder die Orientierung erleichtern?
Nicht jeder Sturz lässt sich verhindern. Der Expertenstandard formuliert deshalb als Ziel, Stürze weitgehend zu verhindern und mögliche Sturzfolgen zu verringern.
Sturzprophylaxe bedeutet nicht, aus Angst jede Bewegung zu vermeiden. Sie bedeutet, Risiken zu erkennen und Bewegung möglichst sicher zu machen.
Quellen
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“, 2. Aktualisierung 2022. Aktuell veröffentlichte Fassung. Der Standard behandelt unter anderem die Einschätzung des Sturzrisikos, Beinahe-Stürze, Mobilität, Medikamente, Hilfsmittel, Anpassungen der Umgebung, Information und Beratung sowie die Auswertung von Stürzen.
gesund.bund.de: „Stürze bei älteren Menschen: Vorbeugung durch Bewegung“. Informationen des nationalen Gesundheitsportals zu möglichen Risikofaktoren und zur Sturzprävention, unter anderem zu Bewegung, Medikamenten, Sehvermögen, Gehhilfen, Schuhen und Wohnumgebung.
gesund.bund.de: „Sehen im Alter“. Informationen zu Sehbeeinträchtigungen im Alter und deren Bedeutung für eine sichere Bewegung.
gesund.bund.de: Informationen zu harntreibenden Medikamenten (Diuretika) und ihrer Wirkung auf die Urinausscheidung.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information für pflegende Angehörige, Auszubildende und Interessierte. Er ersetzt keine individuelle pflegerische, ärztliche oder therapeutische Beurteilung.
Bereich: Pflege verstehen
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